Xenon Kino Berlin

Filmkunstkino in Berlin-Schöneberg

Erik(a) - Der Mann der Weltmeisterin wurde
AUT 2005 • 86 Min. • dt.+fr.m.dt.Untertiteln
Regie: Kurt Mayer
Buch: Hanne Lassl
mit: Erik Schinegger, Christa Schinegger (zweite Ehefrau), Erika Schinegger (Mutter), Claire Sybrecht (Tochter), Renate Neubacher (erste Ehefrau), Hermann Gamon (Trainer), Marielle Goitschel (französische Rennläuferin), Traudl Hecher-Görgl (Teamkollegin), Karl Schranz (Teamkollege)
Kamera / Bildgestaltung: Hemut Wimmer
Schnitt / Montage: Charlotte Müllner-Berger
Musik: Olga Neuwirth

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Ausriss aus der B.Z. Berlin vom 29. August 2002 ...


1966 geriet die Skination Österreich in Ekstase, als das 18jährige Bauernmädchen Erika Schinegger im fernen Chile den Weltmeistertitel in der Abfahrt holte. Was damals nur Schinegger irgendwie ahnte, erwies sich kurz darauf als Tatsache und schockte die Sportwelt: Das Naturtalent aus einem kleinen Dorf in Kärnten war in Wirklichkeit ein junger Mann. Als das Internationale Olympische Komitee Sex-Kontrollen einführte, brach für Schinegger die Welt zusammen. In einem Akt auch heute noch unglaublich anmutender Courage ließ Schinegger operativ sein Geschlecht »richtig stellen«, wie er es nennt, und begann im Alter von 20 Jahren neu: als Erik. Er fuhr weiterhin Skirennen, ehe die ehemalige Weltmeisterin vom Österreichischen Skiverband unter dem Vorwand, der Medienrummel sei zu groß, kaltgestellt wurde …

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die fesche Erika Schinegger macht sich daran die Welt des Skilaufs zu erobern ... 1966 holt sie im fernen Chile WM-Gold für Österreich im Abfahrtslauf ...

Heute spricht Erik Schinegger, ein höchst erfolgreicher Skischulbesitzer, offen und eloquent von seinen Erlebnissen. Weit weniger souverän zeigen sich ehemalige Skifunktionäre, der damalige Teamarzt und Journalisten, die ebenso zu Wort kommen wie die Frauen in Schineggers Leben: seine Mutter, seine Ex- und seine Ehefrau und seine Tochter. Seine Jugendfreundinnen und -freunde erinnern sich an die gemeinsamen Tage der Kindheit und der Pubertät, und es kommt zu höchst emotionalen Begegnungen mit früheren TeamkollegInnen. So entsteht das komplexe Bild eines außergewöhnlichen Menschen, der sein Schicksal auf eine Weise in die Hand genommen hat, die Respekt und Bewunderung abverlangt. Und es werden die Fragen gestellt, die schon längst hätten gestellt werden müssen ...

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1968: Erik hält das Bild in der Hand, welches ihn als Erika zeigt ...

Erik(a) ist einer jener seltenen Glücksfälle im österreichischen Dokumentarfilm, die anhand des Schicksals eines einzelnen Menschen mehrere Themen, die von nationalem Interesse ­ und darüber hinaus allgemeingültig ­ sind, aufgreift und auf spannende und bewegende Weise behandelt: Die Frage, was eine Nation wie Österreich ausmacht, eine Frage, die sich, aus den bekannten historischen Gründen und Entwicklungen heraus als sehr schwierig und komplex darstellt. Bei der Konstruktion einer nationalen Identität war und ist der Sport, zumal der Wintersport, eine der tragenden Säulen. Seit Jahrzehnten definiert sich die Nation Österreich entlang der Leistungen von herausragenden Einzelsportlerinnen und -sportlern, die für ein «Wir-Gefühl» sorgen, das weder Politik noch Wirtschaft noch Kultur zu schaffen im Stande waren. Das Märtyrertum, die Lust am Leiden: gemessen an seiner Größe, hat Österreich ­ neben all den Triumphen ­ die höchste Dichte an sportlichen Tragödien zu verzeichnen: Todesfälle im Autorennsport (Jochen Rindt, Helmut Koinigg, Jo Gartner, Markus Höttinger, Roland Ratzenberger), der nahezu tödliche Crash von Niki Lauda, die Katastrophen im Skisport ­ Ulli Maier, Sepp Walcher, Gernot Reinstadler oder zuletzt der Motorradunfall von «Herminator» Hermann Maier ­, dazu die nicht enden wollende Geschichte an «Benachteiligungen» (Schranz-Affäre, 1972). Keine anderen Sportlerinnen und Sportler werden so «unfair» behandelt wie die österreichischen ­ so zumindest der Eindruck der sportinteressierten Öffentlichkeit.
Daß Erik Schinegger sich diesem nationalen Konzept nicht untergeordnet hat, macht ihn zu einer bemerkenswerten Persönlichkeit. Er hat sich ­ ganz unösterreichisch ­ seinem Schicksal gestellt und es in die eigene Hand genommen, ganz ohne öffentliches Jammern und Wehklagen.
Sportgeschichte: Weit über den Einzelfall Schinegger hinaus geht es in «Erik(a)» um die Sinnhaftigkeit und die Auswüchse des Spitzensports, in dem das Messen von Zehntel- und Hundertstelsekunden im Vordergrund steht und der Mensch als funktionierende Maschine angesehen wird. Hört er auf, so zu funktionieren, ist er ein Skandal, der aus dem System entfernt werden muß. Daß die Medien dabei eine zentrale Rolle spielen, steht außer Frage.
Der Umgang mit (Zeit-)Geschichte: Der Fall Schinegger ist ein weiteres Beispiel verdrängter österreichischer Geschichte, ein «Skandal», an den man nicht denken will ­ schön ablesbar an einigen der Interviews im Film. Man wünscht, die «ganze Sache» hätte nie stattgefunden, sie ist peinlich, ein Tabu. Die Film-Statements ehemaliger Skifunktionäre, des damaligen Teamarztes und von Journalisten sprechen Bände.
Kindheit auf dem Lande: «Erik(a)» gewährt Einblick in eine Kindheit auf dem Lande in den 1950er Jahren ­ fernab aller Heimatfilm- und Tourismusklischees. Es ist eine Kindheit, geprägt von bäuerlichen Traditionen, Verhaltensmaßregeln («Kinder haben zu…»), von moralischer und geistiger Enge, ohne daß man sie deswegen pauschal als «unglücklich» aburteilen müßte. Spiel, Spaß, Bewegung, sexuelle Neugier, all das gehört auch dazu. Auch insofern ist der Film ein wertvolles Zeitdokument, durch die Stellungnahmen Schineggers, seiner Jugendfreundinnen und ­freunde und seiner Mutter, aber auch durch die Super-8-Aufnahmen aus dieser Zeit.
Tourismus: Österreich als Land, das sich dem hemmungslosen Tourismus unterworfen hat, der die Haupteinnahmequelle zahlloser Gemeinden bildet. Nur der bedingungslose Einsatz, vor allem auch von Frauen und Kindern, macht dies möglich. Im speziellen Fall sorgte der Schinegger-Skandal für Quote, oder, wie es seine Mutter so unnachahmlich ausdrückt: «Aber zu der Zeit wie sie, wie er frisch ein Bub war, haben wir das schönste Geschäft [im familieneigenen Gasthaus] gemacht.»
Geschlecht/Sexualität: Wiewohl scheinbar im Vordergrund, ist dies nur einer der vielen Aspekte, unter denen «Erik(a)» interessant ist. Darin subsumieren sich jedoch all die vorher genannten Punkte ­ das Tabu, die Verdrängung, die Neigung zum «Wegschauen», der bedingungslose Glaube der «gelernten» Österreicherinnen und Österreicher an die Autorität (Ärzte, Funktionäre, Kirche, usw.). Wann, wie, warum ist jemand ein Mädchen/ein Bub? Wie kann es kommen, daß «ein Blick genügt», um festzustellen: «Das ist ein Mädchen»? Was bedeutet männliche/weibliche Sozialisation, was bedeutete sie speziell in den «dumpfen» 1950er Jahren? Was passiert mit jenen, die «dazwischen» (intersexuell) sind? Von 4.000 lebendgeborenen Kindern ist das immer hin eines. Darüber gibt es kaum öffentliches Wissen, öffentliche Vermittlung. Was macht ­ besonders, aber nicht nur, auf dem Lande, die Geschlechterdifferenz aus? Wie wertvoll sind Söhne, wie «lästig» Töchter? Wie tough oder wie verletzlich dürfen Mädchen sein? Aussage der Mutter: «Sie war nie ein Muttersöhnchen.» Was macht einen «richtigen Mann» aus? Siehe Erik Schineggers Macho-Überkompensation nach seiner Operation, mit Porsche und Goldringen ­ wer legt das fest? Erik Schinegger: Erik Schinegger wurde am 19. Juni 1948 am elterlichen Bauernhof in Agsdorf, Kärnten, von einer Hebamme zur Welt gebracht. Er wurde mit einem XY-Chromosom geboren, allerdings waren seine äußeren männlichen Geschlechtsmerkmale nach innen gewachsen. Äußerlich schien das Kind ein Mädchen zu sein, mit einem doch etwas verkümmerten Geschlechtsorgan. Offensichtlich irritiert wegen des seltsamen Aussehens, wurde das Kind an den kommenden Tagen mehrfach untersucht. Letztlich beruhigte die Hebamme die Eltern und gratulierte zur neugeborenen Tochter. Erika wächst als Mädchen auf. Schon früh bemerkt sie, daß ihre Geschlechtsorgane etwas anders aussehen als die der anderen Mädchen. Dies scheint sie nur wenig zu beunruhigen. Bis zur Pubertät gibt es keine Zweifel. Mit der Pubertät begann sich vieles zu ändern. Erikas Menstruation blieb aus, die Brust will sich nicht entwickeln, und sie fühlt sich zu Mädchen hingezogen. Sexuell irritiert ob ihrer «lesbischen Neigung» und der mit zunehmendem Alter stärker werdenden Androgynität, konzentriert sie sich auf den Sport, im Konkreten auf den Skisport. Hier findet sie die Anerkennung, die sie in Ihrem Privatleben nicht finden kann.

Sie schafft es bis zum Weltmeistertitel der Damen im Jahre 1966 in Portillo, Chile, im Alter von 18 Jahren. Für die nächste Saison ist sie als völlige Newcomerin neben Christl Haas die große Favoritin. Der damals neu eingeführte «Sextest» beendet im Winter 1967 abrupt ihre weitere Karriere. Ein Hormontest an der Universitätsklinik Innsbruck stellt Erikas «Männlichkeit» fest.
Noch am Tage der Bekanntgabe des Testergebnisses wird sie vom ÖSV veranlaßt, sich aus «persönlichen Gründen» vom Skisport zurückzuziehen. Familie und ÖSV drängen zu einer Hormonbehandlung, um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden und auch, um Erika vor Diffamierungen zu schützen. Würde die Wahrheit bekannt, müßte auch die so sehr geliebte Goldmedaille zurückgegeben werden.
Trotz des vehementen Widerstandes von ÖSV und Familie beschließt sie, weitere Untersuchungen durchführen zu lassen. Der Innsbrucker Urologe Dr. Marberger stellt das XY-Chromosom fest ­ Erika ist damit aus biologischer Sicht eindeutig ein Mann. Es gibt nun zwei Möglichkeiten für Erika: Eine Hormonkur würde heißen, sie könnte zwar als Frau weiterleben, würde aber mit Sicherheit kinderlos bleiben. Eine operative Geschlechtskorrektur böte die Chance, ohne Hormonbehandlung ein zeugungsfähiger Mann zu werden. Erika entscheidet sich für die Operation. Der sechsmonatige Krankenhausaufenthalt wird zur einsamsten und schwersten Zeit in ihrem Leben. Im Juni 1968 verläßt sie das Krankenhaus als junger Mann. Erik Schinegger versucht ein Comeback im österreichischen Herrennationalteam. Nach einem Sieg bei den Kärntner Landesmeisterschaften vor dem blutjungen Franz Klammer und ersten Erfolgen im Europacup verfügt der ÖSV ein Trainingsverbot für Schinegger im Herrenteam. Damit endet seine zweite Karriere als Skirennläufer, noch bevor sie recht begonnen hat. Mit 28 Jahren gründet Erik eine Familie. 1975 wird seine Tochter Claire geboren, und mit diesem Ereignis kehren Normalität und Vergessen in das Dörfchen Agsdorf ein. Heute leitet er mit seiner zweiten Frau Christa die größte Kärntner Kinderskischule. An die 100.000 Kinder haben inzwischen von Erik Schinegger die Lust des Skifahrens kennen gelernt. In seinem ersten Gasthaus in Agsdorf beherbergt er seit mehr als zehn Jahren Flüchtlinge aus aller Welt.

Erik Schinegger über seine Lebensgeschichte:
Ich war ein hübsches, aufgeschlossenes Kind, halt ein bissl stärker gebaut. Meine Mutter hat gedacht, ich sei einfach weiter vorn in der Entwicklung. In der Pubertät habe ich dann bemerkt, dass nicht alles so ist, wie es sein sollte. Ich bin traurig geworden, unsicherer, in mich gekehrt. Anderen sind Brüste gewachsen, sie bekamen ihre Menstruation, hatten erste Freundschaften. Und ich hatte Defizite, die ich dann durchs Skifahren kompensiert habe. Meine ganze Kraft habe ich in diesen Sport gesteckt, es war wie eine Art Flucht. Solange ich die große Goldmedaillenhoffnung war, war alles gut.
Nach der Bekanntgabe des Testergebnisses wurde ich als Aussätziger behandelt. Keiner durfte mit mir Kontakt aufnehmen. Der ÖSV hat mir zuerst nahegelegt, auf Urlaub zu fahren und Gras über die Sache wachsen zu lassen. Dann hätte ich eine Hormonbehandlung machen und eine Frau bleiben sollen. Damit die Goldmedaille nicht in Gefahr wäre, haben sie gesagt. Wenn ich das gemacht hätte, dann würde heute jeder mit dem Finger auf mich zeigen. Bis heute stellen mir Leute blöde Fragen, und manchmal ertappe ich mich selber, daß mir etwas sehr weh tut, weil mich ja auch meine Zeit als Mädchen sehr geprägt hat. Das schönste wäre gewesen, daß es von Geburt an anders gelaufen wäre, dann hätte ich wohl auch ein anderes Berufsziel gehabt. Aber so mußte ich immer Defizite ausgleichen und mich mit viel Fleiß durcharbeiten. Ich war nicht viel besser dran als eine Frau, die sich in der Männerwelt bestätigen muss, aufgrund meines Vorlebens.

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Erik Schinegger heute im Gespräch mit seiner ehemaligen Team-Kollegin Olga Scartezzini-Pall, ...

Kurt Mayer über seinen Film:
«Mich faszinierte die ambivalente Verbindung von Sport mit vielen möglichen Konstruktionen von Identität. Der Geschlechtsidentität steht die deutlich zur Schau getragene Androgynität in Mode und Selbststilisierung der Sportlerinnen und Sportlergegenüber ­ Unisex.
Durch den Film zieht sich die von der Gesellschaft geforderte und geregelte Teilung in männliche und weibliche Kategorien und ihre Verwechslung ­ von den Farben der Babywäsche, über Frauen oder Männern vorbehaltenen Bankreihen in der Kirche, bis zu Damenabfahrten und Herrenabfahrten im Skisport. Der Film spielt mit den fließenden Übergängen zwischen männlicher und weiblicher Identität einerseits und der kategorischen Geschlechtertrennung andererseits, die sich als skurril, spielerisch, bedrohlich und manchmal auch als entmündigend erweist. Ich wollte von einem Menschen erzählen, dessen Mut zu sich selbst stärker war als tief sitzende gesellschaftliche Konventionen und Vorurteile. Der Skisport bietet Erik zunächst Entlastung. Dann folgt der tiefe Fall. Sein individuelles Identitätsproblem kollidiert mit den Ansprüchen der Skination. Der Diskurs von damals lebt im Film an der Uni-Klinik Innsbruck in einer Runde von Funktionären und Experten noch einmal auf. Das Heranwachsen Erikas ist ein ständiger Kampf mit der Identität, mit einem dumpfen Ahnen um das Anderssein. Wann ist ein Mann ein Mann, wann ist eine Frau eine Frau? Das zeigt sich nicht zuletzt in der Sprache der Protagonisten. Der Film ist ein Spiel mit Eindeutigkeiten und Kategorien, bis sich zum Schluß am weißen Skihang die willkürlich normierten Farben der Geschlechter in ein Bewegungsbild auflösen.
Anfänglich habe ich in ganz anderen Bereichen Entdeckungen gemacht, als ich dachte. Zum Beispiel kam von dem, was tiefer unter der Oberfläche des plötzlichen Mann-Seins liegen mag, relativ wenig zu Tage. Da hatte ich mir mehr erwartet. Der «exotistische» Blick von außen wich der Erkenntnis, das da jemand falsch erzogen wurde und für die Person Schinegger die gelungene Operation eben eine Art Outing war, nach dem er glücklicher leben konnte als vorher. Das hat natürlich viel Mut erfordert. Seine Heimatgemeinde St. Urban hat ihm damals ein Grundstück entzogen, nur weil Erika nicht mehr Erika war. Es gibt noch heute das verquere Verhältnis zur Gemeinde, obwohl er dort viel Cashflow mit seiner Skischule produziert und in gewisser Weise anerkannt ist. Trotzdem verzeiht man ihm etwas nicht, was er nicht verbrochen hat. Erik Schinegger hat in einer besonders heiklen Frage, der sexuellen Identität, das notorische Schweigen durchbrochen. Das notorische Schweigen am Land. In vielen Filmen werden sexuelle Identitätsprobleme fatal und tragisch dargestellt. »Erik(A)« ist hingegen ein gutes Beispiel dafür, wie man so etwas bewältigen kann. Ein Beispiel dafür, dass man Seins-Konflikte auch positiv bewältigen kann. Meine Absicht war, einen mutigen Menschen zu zeigen, um auch anderen Menschen Mut zu machen ...»