Xenon Kino Berlin

Filmkunstkino in Berlin-Schöneberg

  • Caligula - Aufstieg und Fall eines Tyrannen
  • »Caligula« ITA / USA 1979 / 1984 • ungekürzte Fassung: 154 Minuten
  • Regie: Tinto Brass bzw. Bob Guccione
  • Buch: Gore Vidal (s.a. Darsteller in »Gattaca«), Giancarlo Lui, Bob Guccione, Tinto Brass
  • mit: Malcolm MacDowell (Caligula), Peter O’Toole (Tiberius) (s.a. »Troja«), Sir John Gielgud (Nerva) (s.a. »Elizabeth«), Helen Mirren (Caesonia) (s.a. »Hinter der Tür«) und div. Penthouse-Centerfolds
  • Bauten: Danilo Donati (s.a. »Die 120 Tage von Sodom«)
  • Kamera / Bildgestaltung: Silvano Ippoliti, Bob Guccione
  • Schnitt / Montage: Nino Bragli, Enzo Micarelli
  • Musik: Paul Clemente, Renzo Rossellini
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Enfant Terrible Malcolm McDowell gibt den Caligula ...

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Peter O'Toole den Kaiser Tiberius ....


Gaius Julius Caesar war ein durchaus gängiger Name im antiken Rom. Auch der Sohn des Feldherrn Germanicus trug diesen Namen. Der im Soldatenlager grossgezogene Jüngling bekam aufgrund seiner kleinen Stiefel von der kämpfenden Truppe den Spitznamen «Caligula» zugedacht. Mit 19 wurde er von Kaiser Tiberius an den Hof nach Rom berufen. Sechs Jahre später, 37 nach Christus, wurde Caligula der dritte römische Kaiser der neuen Zeitrechnung. Nach schwerer Krankheit verlor er sich in herrischer Willkür und setzte neue Maßstäbe für Grausamkeit und Dekadenz. Nach vierjähriger Regentschaft war der Bogen überspannt. Caligula wurde im Jahre 41 von seiner Leibgarde ermordet.


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Es wurde durchaus Mühe und Anspruch investiert. Literarische Vorlage war das gleichnamige Bühnenstück des renommierten Exzentrikers Gore Vidal, der auch das Drehbuch schrieb. Für die Ausstattung zeichnete Danilo Donati verantwortlich, der für seine Arbeiten zu Franco Zeffirellis »Romeo und Julia« und Federico Fellinis »Casanova« mit dem Oscar®™ ausgezeichnet worden war. Tatsächlich zeugen Kostüme und Dekors von historischer Kenntnis, aber auch von einigem Einfallsreichtum, wie die Sensenmaschine zum Köpfen von Verrätern im Circus Maximus verrät. Der Rest wurde mit äußerster Entschlossenheit von Brass aus sämtlichen geheimen Ecken des Marquis de Sade herbeigefegt und mit erotischen Primärsignalen zu einer ungeschminkt inzestuösen Sandalen-Fantasie mit krassen Brutaleffekten aufgemotzt ...

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Für die Titelrolle war der Engländer Malcolm McDowell verpflichtet worden, der nach frühem Ruhm bei Lindsay Anderson (»If…«) und Stanley Kubrick (»Uhrwerk Orange«) schnell wieder aus dem Rampenlicht gerutscht war, nun aber in Toga und weniger seine ohnehin schon psychotische Aura noch einmal ins Groteske überzüchtete. Brass überzeugte aber auch renommierte Bühnen- und Filmstars wie Peter O'Toole, Sir John Gielgud und Helen Mirren für das Projekt, was denen im Nachhinein furchtbar peinlich war, aber immerhin gut bezahlt wurde.


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Was immer der Film an Sex und Greueln auftrumpfte, dem Produzenten Bob Guccione war es noch zu wenig. Der Leiter des Herrenmagazins Penthouse nahm sich zusammen mit Giancarlo Lui des fertigen Films an und füllte ihn mit selbstinszenierten Orgiensequenzen von unverhohlen pornografischem Inhalt. Die Kritik konnte es nicht fassen, das Publikum auch nicht so richtig. Plötzlich schien alles möglich im Kino, doch trotz eines veritablen Kasseneinspiels, gerade auch bei der Zweitverwertung auf Videokassette, sollte diese kuriose Extravaganz ein Einzelfall bleiben. Als Exzess eines konsumorientierten Zeitgeistes ist «Caligula» heute mehr denn je ein Kulturschock. Er ist maßlos in seiner Verschwendungssucht, grenzenlos in seiner Trivialität und uferlos im Ausbeuten seiner sadistischen Sexualfantasien. Man muß das nicht wirklich gesehen haben. Aber ohne Zweifel ist es eine Kuriosität, die von Gelächter und Erstaunen über Empörung bis hin zu purem Entsetzen immer noch eine Menge Emotionen freisetzt. Übrigens: Für die Ausstattung wurden insgesamt 64 Dekorationen und über 3.500 Kostüme entworfen. Brass und Vidal, aufgrund Querelen ums Drehbuch auch untereinander zerstritten, zogen ihre Namen angesichts der modifizierten Version offiziell zurück, blieben aber weiterhin im Vorspann genannt. Uwe Mies

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  • Dieser Film lief im Xenon Kino im Juli und September 2000 sowie Oktober / November 2001