Xenon Kino Berlin

Filmkunstkino in Berlin-Schöneberg

Happiness
»Happiness« USA 1998 • 139 Min. • engl.O.m.U.
Regie: Todd Solondz (s.a. »Wiener-Dog«)
Buch: Todd Solondz
mit: Jane Adams (Joy Jordan), Dylan Baker (s.a. »Kinsey«) (Bill Maplewood), Lara Flynn Boyle (Helen Jordan), Ben Gazarra (Lenny Jordan), Jared Harris (Vlad), Philip Seymour Hoffman (Allen) (s.a. »Capote« und »Magnolia«)
Kamera / Bildgestaltung: Maryse Alberti (s.a. »Freeheld« und »Velvet Goldmine«)
Schnitt / Montage: Alan Oxman
Musik: Robbie Kondor

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Artwork … und Dylan Baker als fieser Kinderschänder ….

»Happiness« ist kein glücklicher Film. Es ist ein Film über einsame, verzweifelte Menschen auf der Suche nach einem Fluchtweg aus ihrem Leben, nach Liebe, nach Glück. Viele ihrer Handlungen sind unakzeptabel: Mit gehöriger Distanz zeigt Solondz eine Welt, in der auch ein Päderast, der zehnjährige Jungen unter Drogen setzt und vergewaltigt, ein obzöner Anrufer, der Frauen terrorisiert und dazu masturbiert, oder eine Mörderin, die ihr Opfer in Stücke hackt, funktionierende Mitglieder einer Gesellschaft sind, in der alles erlaubt ist, so lange der Schein der Normalität gewahrt bleibt. Weder entschuldigt noch goutiert Solondz ihre Handlungen, aber er dämonisiert seine Figuren auch nicht und zwingt den Zuschauer so zur Auseinandersetzung mit den Menschen, die hinter diesen unaussprechlichen Taten stehen. Scheinbar mühelos gelingt es dem Filmemacher in langen, irgendwo zwischen Altman und Lynch angesiedelten Szenen, Tragik und Komödie perfekt auszubalancieren, erschütternde Segmente humorvoll aufzulösen und umgekehrt leichte Momente unvermittelt in puren Horror umkippen zu lassen. In diesem elektrisierenden Wechselbad der Gefühle folgt »Happiness« drei erwachsenen Schwestern, ihren gegenwärtigen oder zukünftigen Partnern und ihren vor der Trennung stehenden Eltern in Florida. Während der jüngsten Schwester Kay, die von ihrer Umwelt nach Strich und Faden ausgenutzt wird und sich dennoch nie unterkriegen läßt, bei ihren erniedrigenden Erlebnissen mit ihren herablassenden Schwestern, einem tödlich beleidigten Verehrer und einem russischen Taxifahrer offensichtlich die meisten Sympathien des Filmemachers gehören, drängt sich die Geschichte des Päderasten schon aufgrund
ihres schockierenden Inhalts in das Zentrum des Geschehens. Auch, weil der Psychiater Dr. Maplewood mit seiner Traumfamilie auf den ersten Blick wie die perfekteste Figur in »Happiness« erscheint, wenn er seine stetig kochende oder putzende Frau herzt oder seinem Sohn geduldig Nachhilfe bei drängenden Pubertätsthemen gibt. Mit apokalyptischen Gewaltphantasien oder der Masturbation zu Teenie-Heftchen offenbart sich der von Dylan Baker phänomenal gespielte Mann aber schnell als Opfer unkontrollierbarer und unverzeihbarer Obsessionen. Am Ende des Films wird er von seinem Sohn zur Rede gestellt: Das Filmjahr 1999 muß sich schon sehr anstrengen, will es diese herzzerreißende, schonungslos offene Szene überbieten, die wahrhaftig den Atem stocken läßt ... Thomas Steiger in Blickpunkt Film

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Der Russe Vlad, der Joy über den Tisch zieht … und die sich von ihrer Schwester sagen lassen muss: »Wir lachen nicht über Dich, Joy, wir lachen mit Dir …« worauf Joy nur erwidern kann: »…aber ich lache doch gar nicht …«