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Filmkunstkino in Berlin-Schöneberg

1917 - Der wahre Oktober
CH / D 2017 • 93 Min. • frei ab 0
Regie: Katrin Rothe
Buch: Katrin Rothe
mit den Sprechern: Maximilian Brauer (Wladimir Majakowski), Hanns Zischler (Alexandre Benois), Claudia Michelsen (Sinaida Hippius), Martin Schneider (Maxim Gorki), Arno Fuhrmann (Kasimir Malewitsch)
Kamera / Bildgestaltung: Thomas Schneider, Robert Laatz
Animatoren:
Lydia Günther, Matthias Daentschel, Lisa Neubauer, Gabriel Möhring
Schnitt / Montage: Silke Botsch
Storyboard: Caroline Hamann
Charakter-Design: Jonathan Webber
Musik: Thomas Mäwers

1917.01

Der Dichter Wladimir Majakowski ist 1917 gerne da, wo es gerade gefährlich ist. Er ist Anfang 20 im Militärdienst, dank Gorkis Fürsprache nicht an der Front, sondern in Petersburg ...

Künstler in revolutionären Zeiten.
St. Petersburg 1917. Die Weltkriegsfront rückt täglich näher, man hungert, bangt, wütet. Im Februar wird der Zar gestürzt. Auch viele Künstler sind euphorisch: Revolution! Freiheit! Endlich Frieden? Nein. Ab Oktober herrschen allein die Bolschewiki. Was taten Dichter, Denker, Avantgardisten wie Maxim Gorki und Kasimir Malewitsch während dieser radikalen Gewaltenwechsel? Im Film entsteigen fünf von ihnen als animierte Legetrickfiguren den Bücherstapeln der Regisseurin. Eigene überlieferte Worte im Munde durchkreuzen sie Salons, Komitees und Straßenschlachten: Momente, in denen der Ausgang der Geschichte noch offen ist ...

1917.02

Von Maxim Gorki wird jede kleinste Notiz wissenschaftlich ausgewertet. Wie erlebt er das Jahr 1917, als Marxist und Freund Lenins?

‚1917’ ist eine filmkünstlerische Neuerzählung der Russischen Revolution. Basierend auf Recherchen in teils bisher unbekanntem Quellmaterial, in Tagebüchern, Berichten und literarischen Werken ihrer Trickfilm-Protagonisten - Künstler wie Maxim Gorki und Kasimir Malewitsch - unternimmt die zweifache Grimme-Preisträgerin Katrin Rothe eine multiperspektivische Befragung dessen, was heute weithin als „Die Oktoberrevolution“ bekannt ist. Ein Novum: die russische Revolution mal nur aus der Sicht beteiligter Künstler.
Was geschah in Sankt Petersburg, damals Petrograd, in der Zeit zwischen den Aufständen im Februar, die den Zaren zur Abdankung zwangen, und der Machtübernahme der Bolschewisten im Oktober? In dieser Phase der Provisorischen Regierung, einer Doppelherrschaft des Parlaments Duma sowie den Arbeiter- und Soldatenräten, den Sowjets, versank Russland in Chaos und Anarchie. Mitten im fortdauernden Weltkrieg verblieb es ohne verbindliche Verfassung. Woran lag es, dass keine bürgerlich-parlamentarische Demokratie gebildet wurde? Wie veränderte die Rückkehr Lenins und Trotzkis die Lage im Frühjahr? Auf welchen Seiten stand wann und wofür wie viel Militär oder anderweitige Waffengewalt?

1917.03

Zinaida Hippies ist Chronistin der Revolution. Sie schreibt seit Ausbruch des ersten Weltkrieges ein ‚gesellschaftliches Tagebuch‘ ...

Das Augenmerk der Regisseurin gilt den Entwicklungen innerhalb eines gefährlich instabilen Machtvakuums. Entlang an der historischen Chronologie der Ereignisse taucht sie mit ihren Figuren in deren gesellschafts-, kultur- und staatspolitische Diskurse ein, in private Gedankenwelten, kühne Visionen und flammende Plädoyers – in widersprüchliche, lebendige Haltungen, die sich im Laufe des Geschehens wandeln. Aus der Vielfalt der Reflexionen der künstlerischen Zeitgenossen entsteht, arrangiert mit fröhlichem Ernst, eine pointierte Differenzierung der zwei Revolutionen des Jahres.
Wie weltberühmt die Filmprotagonisten werden würden, ist zum Zeitpunkt des Geschehens noch unbekannt. 1917 in Sankt Petersburg pflegen sie alle Kontakte untereinander sowie zu diversen Gesellschaftskreisen. Die Lyrikerin Sinaida Hippius (Stimme: Claudia Michelsen), damals 47, wohnt gegenüber des Taurischen Palais, des Parlamentsgebäudes, in dem die uneinige Provisorische Regierung getrennt konferiert. Sie ist mit einigen Ministern befreundet und manche politisch gewichtige Schrift wird an ihrem Küchentisch verfasst. Der arrivierte Maler und Kritiker Alexander Benois (Hanns Zischler), 47, wie auch der international anerkannte Schriftsteller Maxim Gorki (Martin Schneider), 49, sind bereits etablierte Größen im russischen Kulturleben. Beide befürchten die Zerstörung von Kunst und Kreativität. Der umtriebige Avantgardist und Soldat Kasimir Malewitsch (Arne Fuhrmann), 38, erweist sich als tatkräftiger Organisator und veröffentlicht ein Manifest nach dem anderen. Wladimir Majakowski (Maximilian Brauer), der 25-jährige exzentrische Dichter, rast unermüdlich durch die Stadt, ist überall da, wo es gefährlich ist und legt sich mit den älteren Künstlern an. Er träumt von einer neuen Welt und einer radikal anderen, wahrhaft demokratischen Kunst.

1917.04

Zwei Millionen Menschen nehmen am 22. März 1917 an der Beerdigung der Opfer der Februarrevolution teil ...

Sinaida Hippus, die poetische „Chronistin“ der Ereignisse 1917, notiert im Februar: ‚Ich kann mich wie jeder andere in dieser Zeit nicht zurechtfinden‘ und im Herbst: ‚Es gibt keine Heimat mehr.‘ Fast hundert Jahre später kehrt die Filmkünstlerin Katrin Rothe die bunten Ausschnittreste ihrer Legetrickfiguren und -szenarios auf dem Boden des Arbeitszimmers zusammen. Die eingefügten Realszenen mit ihr als fragender und ordnender Erzählerin (Stimme: Inka Friedrich), verknüpfen die animierten Bilder. Von der Lektüre zahlreicher historisch-wissenschaftlicher Bücher unbefriedigt, sucht und findet sie in künstlerischen Zeitzeugnissen lebendigere Gedanken, Beobachtungen, ‚Wahrheiten‘. Zugleich wächst unter ihren Händen nach und nach ein chronologischer Zeitstrahl der geschichtlichen Fakten heran – letztlich umwoben von einem Vielgespinst ‚roter Fäden‘: Die Annäherung bleibt vielstimmig wie das Leben, auch im rekonstruierenden Rückblick.
Die visuelle Ästhetik des Films ist an jener der damaligen Zeitgenossen orientiert, an der experimentierfreudigen, abstraktionsstarken, klaren Farb- und Formensprache der russischen Avantgardisten, und entfaltet, mit viel Charme ins Heute adaptiert, einen gänzlich eigenständigen Stil.

1917.05

Kazimir Malerisch ist an der Organisation der ersten Künstlerbrigaden der Soldatenräte beteiligt ...

Bezeichnend für 1917 – DER WAHRE OKTOBER ist seine unerschrocken fantasievolle Mischung bildnerischer und filmischer Mittel. Diverse Materialien wie Pappen, Schnüre, Stoffe fügen sich collagiert zu den charakteristischen Hauptfiguren, die in Legetrick-Animationen zu komplexer und äußerst variabler Mimik, Gestik, Körpersprache ‚erwachen‘.
Dabei verleugnet kein Stückchen Luftpolsterfolie oder Kunstpelz seine konkrete Beschaffenheit, im Gegenteil, das Dingliche spielt mit in der Gesamtkomposition. Die Interieurs, Hintergründe und Stadtpanoramen kombinieren Siebdrucke, feine Strichzeichnungen, colorierte Tableaus unterschiedlichster Lichtstimmungen, vor denen die Akteure, wie auch Scherenschnitte demonstrierender Massen, tanzender Paare oder marschierender Truppen sowie dreidimensional collagierte Objekte zum Zuge kommen. Historische Schwarz-Weiß-Filmaufnahmen ergänzen die Dramaturgie um eindrückliche Verweise auf die realgeschichtliche Ebene und deren grundexistenzielle Dimension. Wie das Visuelle, ist auch das Auditive des Films ein stringent gemischtes Miteinander heterogener Elemente. Eigens komponierte Musik von Thomas Mävers , Geräusche, historische O-Töne, klangliche Ereignisatmosphären und die Sprecherstimmen bilden einen Fluss unterschiedlich dichter Schichtungen, der die Bildstimmungen stärkt und um seine eigenen bereichert.

1917.06

Alexandre Benoit ist der bedeutendste Kunstkritiker. Als Schöngeist und Pazifist sitzt er im Laufe des Jahres schnell zwischen allen Stühlen ...

Erstmalig beleuchtet 1917 – DER WAHRE OKTOBER das historische Sujet anhand entsprechender Künstlerbiografien – und verhandelt somit zugleich übergeordnete, zeitlos relevante kulturgeschichtliche und -theoretische Aspekte: Welche Rolle spielen Kunst und Künstler, welche können sie spielen in Umbrüchen, Aufbrüchen, Umwälzungen bestehender Gesellschaftssysteme? Wo und wie treiben sie, mit ihren Gestaltungen, Ideen, Visionen, aber auch erklärend, propagierend, zweifelnd, selbst die Ereignisse voran? Setzen sie sich für den Erhalt kulturellen und künstlerischen Erbes ein? Oder für Erneuerungsprozesse durch Zerschlagung des Alten? Was sind dabei ihre Spielräume? Wie steht es um die Kunst, wenn das blanke Leben in Gefahr ist? In welchen Verhältnissen standen und stehen Künstler zu politischen Gefügen, zu Staats- und Finanzmächtigen? Kann Kunst je tatsächlich demokratisch sein? Ist künstlerische Autonomie oder kollektive Selbstverwaltung möglich? Wie? Im Film beantwortet das Handeln und Denken der Protagonisten diese Fragen unterschiedlich. Jeder der Künstler nimmt anders wahr was geschieht, verarbeitet es individuell in seinen Reflexionen und Werken, im Alltag und politischen Einsatz, und gibt es dadurch in sein Umfeld zurück, wo es weiterwirkt. Im Konkreten des russischen Revolutionsjahrs zeigt sich Kulturgeschichte exemplarisch als eine Summe von historischen Umständen, Ereignissen und persönlichen Schicksalen.

1917.07

‚Anerkennen der nicht anerkennen? - Diese Frage stellte sich mir nicht. Es war meine Revolution.‘ Schreibt Wladimir Majakowski im November 1917 ...

Daten sind wie im Film selbst in dem bis zum 31.1.1918 gebräuchlichen Julianischen Kalender aufgeführt, der 13 Tage weniger zählte als der westliche Gregorianische Kalender.
St. Petersburg = Petrograd 23. Februar bis 3. März 1917: Februarrevolution (auch Abdankung des Zaren) 24.-26. Oktober: Bolschewistische Machtübernahme (auch Oktoberrevolution)