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Wilde Unschuld
»Savage Grace« USA / ESP / FRA 2007 • 98 Min. • frei ab 16
Regie: Tom Kalin
Buch: Howard A. Rodman nach den Tatsachenbericht von Natalie Robbins & Steven M.L. Aronson
mit: Julianne Moore (s.a. »Freeheld« und »Still Alice« und »Maps To The Stars« und »The Kids Are All Right« und »A Single Man« und »I'm Not There«, und »The Hours« und »Far From Heaven« und »Magnolia« und »Cookies Fortune« und »Psycho« und »Ein perfekter Ehemann« ), Stephen Dillane (s.a. »The Hours«), Eddie Redmayne (s.a. »The Danish Girl« und »Die Entdeckung der Unendlichhkeit«), Elena Anaya (s.a. »Hable con Ella«), Hugh Dancy (s.a. »Spuren eines Lebens« und »Der Jane Austen Book Club«)
Kamera / Bildgestaltung: Juan Miguel Azpiroz
Schnitt / Montage: John F. Lyons
Musik: Fernando Velázquez

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die aus eher einfachen Verhältnissen stammende Barbara Daley heiratet den Plastik-Magnaten Brooks Baekeland, und steigt damit in die amerikanische Oberschicht auf ...

Erzählt wird die unglaubliche und wahre Geschichte der Barbara Daly. Aus einfachen Verhältnissen kommend heiratet sie in den vierziger Jahren den reichen Erben des Bakelit-Imperiums, Brooks Baekeland. Der Sprung in die amerikanische Oberschicht ermöglicht ihr ein glanzvolles Leben an der Seite von Brooks, doch eigentlich passt die rothaarige und charismatische Barbara nicht zu ihrem gebildeten, unter besten Umständen aufgewachsenen Ehemann. Die Geburt ihres Sohns Tony bringt die ständig gefährdete Balance dieser extremen Ehe weiter in Schieflage. Während Barbara ihn heiss und innig liebt, ist der stille Tony in den Augen seines Vaters ein Versager. Als Brooks seine psychisch immer unausgeglichenere Frau eines Tages für eine jüngere Geliebte verlässt, wird der heranwachsende Tony zunehmend zum Ersatz für die sozialen und emotionalen Bedürfnisse von Barbara. Aus der immer unbedingter werdenden Intimität von Mutter und schwulem Sohn erwächst schliesslich die Saat einer spektakulären Tragödie ..

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doch die Ehe ist nicht glücklich und Barbaras wendet sich ihrem schwulen Sohn Tony zu, der vom Vater verachtet wird ...

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auf Mallorca begegnet ihm Sam ...

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nicht nur Tony, auch Barabara schläft mit Sam ...

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mit Jake beginnt Tony eine Affaire ...

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was Barbara überhaupt nicht gefällt ...


Der Hintergrund:
Die Plastik-Erfindung: Basierend auf dem Tatsachenroman
»Savage Grace« erzählt »Wilde Unschuld« die Geschichte der Industriellenfamilie Baekeland um Barbara Daly Baekeland und ihren Mann Brooks Baekeland sowie deren gemeinsamen Sohn Tony. 1907 erfand der in die USA ausgewanderte Belgier Leo Hendrik Baekeland einen neuen Werkstoff: Aus Phenol und Formaldehyd gelang ihm die Herstellung einer Substanz, die er Bakelit nannte. Zusammen mit einem befreundeten Unternehmer gründete Baekeland 1909 die Bakelite Corporate, die Bakelit in großen Mengen herstellte. In Deutschland entstand parallel die Bakelite Gesellschaft mbH in Berlin. Seine revolutionäre Erfindung war von Anfang an ein riesiger Erfolg. Zu Beginn der 30er Jahre gab es bereits mehrere hundert Presswerke und Hersteller des Kunststoffes. Bakelit wurde vor allem zur Herstellung von Telefonen, Lichtschalter- und Steckdosen-Gehäusen, Haushalts- und Küchengeräten, Ziergegenständen, Modeschmuck, Waffenbeschlägen und Büroartikeln verwendet. Noch bis in die frühen 60er Jahre spielte der Vorgänger des Plastiks eine entscheidende Rolle als moderner Werkstoff. Den Geschäftssitz hatte die Gesellschaft aus Berlin in die tiefste Provinz verlegt ? in das sauerländische Letmathe (heute ein Stadtteil von Iserlohn). Produziert wurden in Duisburg und in der Nähe von Kassel.

Reichtum und Ansehen: Seine Erfindung bescherte Leo Baekelands Firma Millionengewinne und machte ihn zu einem der reichsten und angesehensten Industriellen Amerikas. Nach Streitigkeiten mit seinem Sohn verkaufte Leo Baekeland seine Firma Bakelite Corporate 1939 für mehrere Millionen Dollar und setzte sich zur Ruhe. Er starb fünf Jahre darauf. Ende April 2005 wurde die Bakelite AG von Borden Chemical Inc. gekauft. Das Unternehmen ging in der Hexion Specialty Chemicals Inc. auf.

Der Reichtum der Familie und das gesellschaftliche Ansehen in der New Yorker Gesellschaft waren ausschlaggebende Gründe für Barbara Daly, den Erben des Bakelit- Imperiums Brooks Baekeland zu heiraten. Regisseur Tom Kalin beschreibt Barbaras Persönlichkeit so:
»Als sie ein Teenager war, beging ihr Vater Selbstmord. Er wurde von Barbaras Bruder gefunden, der später, möglicherweise absichtlich, mit dem Auto tödlich verunglückte. Wie viele andere schöne Frauen ihrer Generation, die kein Geld hatten, sah sie ihre Chance in einer reichen Heirat. In den 1940ern galt Barbara als eine der zehn schönsten Frauen New Yorks. John Jacob Astor umwarb sie, und sie ging für kurze Zeit nach Hollywood, um einen Screen-Test mit Dana Andrews zu machen. Sie besaß eine unbekümmerte Ausstrahlung, die für Frauen damals selten war, und darin bestand auch ihre Anziehungskraft auf Brooks. Ihre Schwäche war ihr Narzissmus, dem eine tiefe Unsicherheit zugrunde lag, und ihre Obsession, einer gesellschaftlichen Oberschicht anzugehören. Ihre Fähigkeit, sich selbst ständig neu zu erfinden, erforderte Kraft und Phantasie, aber sie offenbarte auch ihre Angst, demaskiert zu werden als jemand, der nicht gut genug ist für seine Umgebung. Ihre Sehnsucht nach Liebe, sei es die von Brooks oder ihres gemeinsamen, 1947 geborenen Sohnes Tony, machte sie verletzlich und beherrschte ihr ganzes Leben.«

Der Niedergang: Als Brooks seine Frau schließlich für eine jüngere Geliebte verließ, vertiefte sich das Verhältnis zwischen der narzisstischen Barbara und ihrem Sohn Tony, der zum Ersatz für ihre sozialen und emotionalen Bedürfnisse geworden war. Obwohl bei Tony Anzeichen von Schizophrenie festzustellen waren, weigerte sich sein Vater, für eine psychiatrische Behandlung aufzukommen. Die labile psychische Verfassung Tonys wurde zur tickenden Zeitbombe - und aus der immer unbedingter werdenden Intimität von Mutter und Sohn erwuchs schließlich die Saat einer spektakulären Tragödie ...

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Interview mit dem Regisseur Tom Kalin: Was hat Sie an dem Buch Savage Grace gereizt? Wie bei SWOON, dem letzten Film, bei dem Sie Regie führten, handelt es sich auch hier um ein Tabu, um eine »verbotene« Liebesgeschichte, die mit einem Mord endet. Schon vor etlichen Jahren gab mir Christine Vachon das Buch Savage Grace von Natalie Robins und Steven M.L. Aronson zu lesen. Ich war gefesselt von der sensationellen Geschichte der Baekelands, aber mehr noch von dem Echo der klassischen Tragödie, das sich darin findet. Die traurige Schönheit des Stoffes zog mich an, dieser Zusammenprall von Eleganz und Gewalt. Trotzdem war der Höhepunkt des Films, Barbaras Tod, nicht das, was mich am meisten reizte. Barbaras Originalität, ihr spezifisch amerikanischer Charakter (eine Self-Made-Frau der Vierziger Jahre mit dem Instinkt eines Spielers), ihr glänzender Aufstieg und verheerender Fall, das waren die Elemente, die ich an diesem Drama schätzte. Und wie bei SWOON gab es bei Savage Grace eine zentrale Frage: Hat Tony seine Mutter einfach umgebracht? Oder hat womöglich Barbara, in einer diffizilen Form von Narzissmus, Tony zu dem Werkzeug erzogen, welches ihren Tod herbeiführen soll?
Schließlich, und das ist vielleicht das Wichtigste, haben mich diese extrem beschädigten Charaktere angezogen. Am Ende empfand ich durchaus Mitgefühl für sie, eine, wenn auch komplizierte, Loyalität. Natürlich war eine Tragödie für solche Menschen unvermeidbar. Um dazu eine Besprechung des Buches Savage Grace zu zitieren, die Geschichte der Baekelands ist eine Geschichte »vom profunden Versagen bei den einfachsten Pflichten der Liebe«.
Der Film reicht über einen Zeitraum, in dem es viele Veränderungen gab, von den Vierziger bis zu den Siebziger Jahren. Wieviel künstlerische Freiheit hatten Sie bei der Adaption des Buches? Ist die Struktur, die Sie dann wählten, weit vom Buch entfernt? Ich konnte mit dem Drehbuchautor, Howard Rodman, hervorragend arbeiten. Wir wussten beide, dass das Buch zu ausufernd für eine einfache Adaption war. Es ist hauptsächlich in wörtlicher Rede abgefasst, es besteht aus unzähligen Berichten von Zeugen oder Teilnehmern der Baekeland-Saga, und es umspannt dazu noch beinahe das ganze Jahrhundert. Howard und ich begannen, jeder für sich, die fünf Momente in Barabaras Lebensgeschichte herauszufiltern, die wir für entscheidend hielten. Als wir unsere Ergebnisse verglichen, waren sie fast identisch. Zu einem großenTeil ging es um die Entscheidung, was man weglässt, und wie man die Wendepunkte ihres Lebens in eine Geschichte einbettet. Zum Beispiel die Szene am Cadogan Square: auf den Fotografien im Buch wurde sie nur angedeutet. Aber ich erkannte alles, was ich über die inzestuöse Beziehung von Barbara und Tony wissen musste, auf einem Foto von den beiden aus dem Jahr 1971, das ich fand. Da räkelte sich Tony auf einem sonst sehr ordentlichen Sofa, Zigarette in der Hand, dicht neben ihm saß Barbara, bewaffnet mit Chanel und Perlen.
Auch die Badewannenszene in Paris 1959 haben wir nach einem Foto inszeniert. Auf diesem Foto liegt der zwölfjährige Tony in der Wanne, das Gesicht engelhaft, den Blick verführerisch direkt in die Kamera gerichtet. Sicher hat Barbara es gemacht. Das Foto ist zugleich süss und gruselig, es fängt einen Moment ein, der auf die Gefahr hinweist, die bereits unter der Oberfläche schlummert.
Diese Fotos waren überhaupt eine unschätzbare Hilfe für meine Mitarbeiter, besonders für den Kameramann Juanmi Azpiroz, den Produktionsdesigner Victor Molero und die Kostümbildnerin Gabriela Salaverri. Juanmi hat ein Gespür dafür, das Licht so zu setzen, dass es eine gespannte Atmosphäre verstärkt. Die Herausforderung für Victor und Gabriela wiederum waren die verschiedenen Modeströmungen. Das haben sie sehr subtil gemeistert, zum Beispiel sieht der lockere Stil von Tony und seinen Freunden in Cadaques Mitte der Sechziger Jahre überraschend zeitlos aus ? man braucht gar keine weißen Stiefel und keine Miniröcke. Auch die Ausstattung, die eine ständig wechselnde Zeitgeschichte mit einbeziehen musste, war hervorragend. Vor allem wenn man weiß, dass der ganze Film in und um Barcelona gedreht wurde. Das war übrigens auch einer der Höhepunkte meiner Karriere ? einmal einen Film in Spanien zu machen.
In einer Geschichte von solchem Umfang ist es unvermeidlich, dass man manches vereinfacht, anderes auslässt, oder gar Charaktere verändert. Howard und ich versuchten, das einzufangen, was wir für die emotionale Wahrheit hielten, und wir blieben skeptisch gegenüber dem, was als die offizielle Geschichte gilt.


Warum wollten Sie Julianne Moore als Barbara?

Ich traf Julianne kurz, als Todd Haynes SAFE drehte, und später noch einmal am Set von FAR FROM HEAVEN. Julianne ist eine der begabtesten Schauspielerinnen unserer Zeit, ihre Arbeit zeigt eine erstaunliche Bandbreite und Vielschichtigkeit. Ich dachte, sie wäre als Barbara unvergesslich, denn sie wüsste instinktiv, wie man dieser Rolle Menschlichkeit und emotionale Tiefe verleiht. Ich schickte ihr das Drehbuch und wir trafen uns anschließend zum Essen. Ich plapperte nervös, während sie sich ein Album mit Fotos von Barbara, Tony und Brooks anschaute. Man konnte ihre Ähnlichkeit mit Barbara nicht übersehen. Das war natürlich ein zusätzlicher Bonus. Tatsächlich aber war es Juliannes Fähigkeit, durch winzige Gesten Gefühle sichtbar zu machen, mit der sie später Barbara zum Leben erweckte. Außerdem war es toll, dieser Figur über eine lange Zeitspanne zu folgen, zuzusehen, wie Julianne dieses ganze Leben durchspielte, vom Triumph bis zum Scheitern.

Die Charaktere in Savage Grace sind vielschichtig. Können Sie uns sagen, wie Sie die drei Hauptfiguren Barbara, Brooks und Tony sehen?


Barbara Daly Baekeland: Barbara Daly wurde 1920 in der Nähe von Boston geboren. Als sie ein Teenager war, beging ihr Vater Selbstmord. Er wurde von Barbaras Bruder gefunden, der später, möglicherweise absichtlich, mit dem Auto tödlich verunglückte. Wie viele andere schöne Frauen ihrer Generation, die kein Geld hatten, sah sie ihre Chance in einer reichen Heirat. In den 1940ern galt Barbara als eine der zehn schönsten Frauen New Yorks. John Jacob Astor umwarb sie und sie ging für kurze Zeit nach Hollywood, um einen Screen-Test mit Dana Andrews zu machen. auen damals selten war und darin bestand auch ihre Anziehungskraft auf Brooks. Ihre Schwäche war ihr Narzissmus, dem eine tiefe Unsicherheit zugrunde lag, und ihre Obsession, einer gesellschaftlichen Oberschicht anzugehören. Die Menschen um sie herum sahen sie als mutig und närrisch gleichzeitig. Ihre Fähigkeit, sich selbst ständig neu zu erfinden, erforderte Kraft und Phantasie, aber sie offenbarte auch ihre Angst, demaskiert zu werden als jemand, der nicht gut genug ist für seine Umgebung. Der gesellschaftliche Status, den sie erlangte, war trotzdem nicht genug: Ihre Sehnsucht nach Liebe, sei es die von Brooks, von Tony, von Sam, machte sie verletzlich und beherrschte ihr ganzes Leben.

Brooks Baekeland: Aus dem Buch Savage Grace: »Er (Brooks' Vater George) hatte auch Stilbewußtsein oder Panache, wie die Franzosen sagen. Aber es war bloß Show. Er benahm sich immer, als stünde er vor einem Spiegel. ... Letztlich waren seine Arroganz und sein Grimm Schutzmaßnahmen, sie sollten eine große Schüchternheit und sein Gefühl mangelnder sozialer Kompetenz verbergen. Ich weiß das, weil ich sein Sohn bin und viele seiner Charakterzüge geerbt habe. Mein Vater schrie im Dunkeln, um die Dämonen fernzuhalten. Das ging einfach, denn er war ein reicher und beschützter Mann. Mein Großvater sagte oft: Geld hat den Vorteil, dass es uns ermöglicht, nicht mit den Folgen unserer Fehler leben zu müssen.«
Obwohl Brooks für Barbara alle Werte der »guten Gesellschaft« verkörperte, zweifelte er selbst doch daran, dass das der Wahrheit entsprach. Das schlechte Urteilsvermögen seines Vaters hatte das Familienkapital verkleinert und Brooks war enttäuscht, dass das Genie seines Großvaters offenbar weder auf den Vater noch auf ihn vererbt worden war. Er balancierte zwischen Snobismus und dem Wissen, dass seinem Großvater all das Gehabe eben dieser Gesellschaft zuwider war. Er hasste sich sein Leben lang dafür, dass er nicht über die Verhältnisse hinauswuchs, die ihn umgaben. Gefangen zwischen Eitelkeit und Selbsterkenntnis fühlte Brooks sich verpflichtet, jedem einen Spiegel vorzuhalten, ohne Zart- oder Mitgefühl. Und er setzte auch eine Familientradition fort: Wie sein Großvater seinen Vater, wie sein Vater ihn, verachtete auch er seinen Sohn.

Antony Baekeland: Tony wurde nie erwachsen genug, um über die Unausgewogenheit der elterlichen Einflüsse hinwegzukommen. Er erstarrte zwischen Barbaras besitzergreifender Liebe und Brooks Gleichgültigkeit und Verachtung. Er hatte eine lebhaften Phantasie. Er hätte ein Künstler oder ein Dichter werden können, aber er war zu schwach, ihm fehlte die Widerstandskraft, die man im Leben braucht. Er wirkte anziehend, er war von einer stillen Schönheit, die etwa das Gegenteil von der Barbaras war, aber er fürchtete insgeheim, er sei häßlich. Er gab sich zum Teil die Schuld, dass die Ehe seiner Eltern in die Brüche ging. Einmal sagte er zu einem Freund: »Meine Eltern sind beide sehr junge Seelen«. Nur im Alter von zwölf Jahren fühlte Tony sich souverän und selbstsicher, das gelang ihm später nie mehr. Mit zwanzig, in Cadaques, rebellierte er gegen seine Eltern. Er schlief mit Jake, er nahm Drogen, aber unglücklicherweise schaffte er es nicht, sich wirklich zu befreien. Als seine Freundin Blanca ihn verließ um mit seinem Vater durchzubrennen, traf ihn das so hart, dass er sich nie mehr ganz davon erholte. Obwohl er anfangs versuchte, seinen Eltern und ihrem Erbe zu entkommen und seinen eigenen Weg zu gehen, verlor er schließlich die Motivation, ähnlich wie es auch Brooks ergangen war. Es blieb ihm nichts weiter übrig, als von weitem zuzusehen, wie sein Leben ihm davonlief, er hatte nicht die Kraft, lenkend einzugreifen.
Gibt es eine Anziehungskraft zwischen Brooks und Barbara, obwohl er sie missachtet? War ihre Beziehung nicht sadistisch?

Interview mit dem Regisseur Tom Kalin:
Was hat Sie an dem Buch Savage Grace gereizt? Wie bei SWOON, dem letzten Film, bei dem Sie Regie führten, handelt es sich auch hier um ein Tabu, um eine »verbotene« Liebesgeschichte, die mit einem Mord endet. Schon vor etlichen Jahren gab mir Christine Vachon das Buch Savage Grace von Natalie Robins und Steven M.L. Aronson zu lesen. Ich war gefesselt von der sensationellen Geschichte der Baekelands, aber mehr noch von dem Echo der klassischen Tragödie, das sich darin findet. Die traurige Schönheit des Stoffes zog mich an, dieser Zusammenprall von Eleganz und Gewalt. Trotzdem war der Höhepunkt des Films, Barbaras Tod, nicht das, was mich am meisten reizte. Barbaras Originalität, ihr spezifisch amerikanischer Charakter (eine Self-Made-Frau der Vierziger Jahre mit dem Instinkt eines Spielers), ihr glänzender Aufstieg und verheerender Fall, das waren die Elemente, die ich an diesem Drama schätzte. Und wie bei SWOON gab es bei Savage Grace eine zentrale Frage: Hat Tony seine Mutter einfach umgebracht? Oder hat womöglich Barbara, in einer diffizilen Form von Narzissmus, Tony zu dem Werkzeug erzogen, welches ihren Tod herbeiführen soll? Schließlich, und das ist vielleicht das Wichtigste, haben mich diese extrem beschädigten Charaktere angezogen. Am Ende empfand ich durchaus Mitgefühl für sie, eine, wenn auch komplizierte, Loyalität. Natürlich war eine Tragödie für solche Menschen unvermeidbar. Um dazu eine Besprechung des Buches Savage Grace zu zitieren, die Geschichte der Baekelands ist eine Geschichte »vom profunden Versagen bei den einfachsten Pflichten der Liebe«.
Der Film reicht über einen Zeitraum, in dem es viele Veränderungen gab, von den Vierziger bis zu den Siebziger Jahren. Wieviel künstlerische Freiheit hatten Sie bei der Adaption des Buches? Ist die Struktur, die Sie dann wählten, weit vom Buch entfernt? Ich konnte mit dem Drehbuchautor, Howard Rodman, hervorragend arbeiten. Wir wussten beide, dass das Buch zu ausufernd für eine einfache Adaption war. Es ist hauptsächlich in wörtlicher Rede abgefasst, es besteht aus unzähligen Berichten von Zeugen oder Teilnehmern der Baekeland-Saga, und es umspannt dazu noch beinahe das ganze Jahrhundert. Howard und ich begannen, jeder für sich, die fünf Momente in Barabaras Lebensgeschichte herauszufiltern, die wir für entscheidend hielten. Als wir unsere Ergebnisse verglichen, waren sie fast identisch. Zu einem großen Teil ging es um die Entscheidung, was man weglässt, und wie man die Wendepunkte ihres Lebens in eine Geschichte einbettet. Zum Beispiel die Szene am Cadogan Square: auf den Fotografien im Buch wurde sie nur angedeutet. Aber ich erkannte alles, was ich über die inzestuöse Beziehung von Barbara und Tony wissen musste, auf einem Foto von den beiden aus dem Jahr 1971, das ich fand. Da räkelte sich Tony auf einem sonst sehr ordentlichen Sofa, Zigarette in der Hand, dicht neben ihm saß Barbara, bewaffnet mit Chanel und Perlen. Auch die Badewannenszene in Paris 1959 haben wir nach einem Foto inszeniert. Auf diesem Foto liegt der zwölfjährige Tony in der Wanne, das Gesicht engelhaft, den Blick verführerisch direkt in die Kamera gerichtet. Sicher hat Barbara es gemacht. Das Foto ist zugleich süss und gruselig, es fängt einen Moment ein, der auf die Gefahr hinweist, die bereits unter der Oberfläche schlummert. Diese Fotos waren überhaupt eine unschätzbare Hilfe für meine Mitarbeiter, besonders für den Kameramann Juanmi Azpiroz, den Produktionsdesigner Victor Molero und die Kostümbildnerin Gabriela Salaverri. Juanmi hat ein Gespür dafür, das Licht so zu setzen, dass es eine gespannte Atmosphäre verstärkt. Die Herausforderung für Victor und Gabriela wiederum waren die verschiedenen Modeströmungen. Das haben sie sehr subtil gemeistert, zum Beispiel sieht der lockere Stil von Tony und seinen Freunden in Cadaques Mitte der Sechziger Jahre überraschend zeitlos aus ? man braucht gar keine weißen Stiefel und keine Miniröcke. Auch die Ausstattung, die eine ständig wechselnde Zeitgeschichte mit einbeziehen musste, war hervorragend. Vor allem wenn man weiß, dass der ganze Film in und um Barcelona gedreht wurde. Das war übrigens auch einer der Höhepunkte meiner Karriere ? einmal einen Film in Spanien zu machen. In einer Geschichte von solchem Umfang ist es unvermeidlich, dass man manches vereinfacht, anderes auslässt, oder gar Charaktere verändert. Howard und ich versuchten, das einzufangen, was wir für die emotionale Wahrheit hielten, und wir blieben skeptisch gegenüber dem, was als die offizielle Geschichte gilt. Warum wollten Sie Julianne Moore als Barbara? Ich traf Julianne kurz, als Todd Haynes SAFE drehte, und später noch einmal am Set von FAR FROM HEAVEN. Julianne ist eine der begabtesten Schauspielerinnen unserer Zeit, ihre Arbeit zeigt eine erstaunliche Bandbreite und Vielschichtigkeit. Ich dachte, sie wäre als Barbara unvergesslich, denn sie wüsste instinktiv, wie man dieser Rolle Menschlichkeit und emotionale Tiefe verleiht. Ich schickte ihr das Drehbuch und wir trafen uns anschließend zum Essen. Ich plapperte nervös, während sie sich ein Album mit Fotos von Barbara, Tony und Brooks anschaute. Man konnte ihre Ähnlichkeit mit Barbara nicht übersehen. Das war natürlich ein zusätzlicher Bonus. Tatsächlich aber war es Juliannes Fähigkeit, durch winzige Gesten Gefühle sichtbar zu machen, mit der sie später Barbara zum Leben erweckte. Außerdem war es toll, dieser Figur über eine lange Zeitspanne zu folgen, zuzusehen, wie Julianne dieses ganze Leben durchspielte, vom Triumph bis zum Scheitern. Die Charaktere in Savage Grace sind vielschichtig. Können Sie uns sagen, wie Sie die drei Hauptfiguren Barbara, Brooks und Tony sehen? Barbara Daly Baekeland: Barbara Daly wurde 1920 in der Nähe von Boston geboren. Als sie ein Teenager war, beging ihr Vater Selbstmord. Er wurde von Barbaras Bruder gefunden, der später, möglicherweise absichtlich, mit dem Auto tödlich verunglückte. Wie viele andere schöne Frauen ihrer Generation, die kein Geld hatten, sah sie ihre Chance in einer reichen Heirat. In den 1940ern galt Barbara als eine der zehn schönsten Frauen New Yorks. John Jacob Astor umwarb sie und sie ging für kurze Zeit nach Hollywood, um einen Screen-Test mit Dana Andrews zu machen. Sie besass eine unbekümmerte Ausstrahlung, die für Frauen damals selten war und darin bestand auch ihre Anziehungskraft auf Brooks. Ihre Schwäche war ihr Narzissmus, dem eine tiefe Unsicherheit zugrunde lag, und ihre Obsession, einer gesellschaftlichen Oberschicht anzugehören. Die Menschen um sie herum sahen sie als mutig und närrisch gleichzeitig. Ihre Fähigkeit, sich selbst ständig neu zu erfinden, erforderte Kraft und Phantasie, aber sie offenbarte auch ihre Angst, demaskiert zu werden als jemand, der nicht gut genug ist für seine Umgebung. Der gesellschaftliche Status, den sie erlangte, war trotzdem nicht genug: Ihre Sehnsucht nach Liebe, sei es die von Brooks, von Tony, von Sam, machte sie verletzlich und beherrschte ihr ganzes Leben. Brooks Baekeland: Aus dem Buch Savage Grace: »Er (Brooks' Vater George) hatte auch Stilbewußtsein oder Panache, wie die Franzosen sagen. Aber es war bloß Show. Er benahm sich immer, als stünde er vor einem Spiegel. ... Letztlich waren seine Arroganz und sein Grimm Schutzmaßnahmen, sie sollten eine große Schüchternheit und sein Gefühl mangelnder sozialer Kompetenz verbergen. Ich weiß das, weil ich sein Sohn bin und viele seiner Charakterzüge geerbt habe. Mein Vater schrie im Dunkeln, um die Dämonen fernzuhalten. Das ging einfach, denn er war ein reicher und beschützter Mann. Mein Großvater sagte oft: Geld hat den Vorteil, dass es uns ermöglicht, nicht mit den Folgen unserer Fehler leben zu müssen.« Obwohl Brooks für Barbara alle Werte der »guten Gesellschaft« verkörperte, zweifelte er selbst doch daran, dass das der Wahrheit entsprach. Das schlechte Urteilsvermögen seines Vaters hatte das Familienkapital verkleinert und Brooks war enttäuscht, dass das Genie seines Großvaters offenbar weder auf den Vater noch auf ihn vererbt worden war. Er balancierte zwischen Snobismus und dem Wissen, dass seinem Großvater all das Gehabe eben dieser Gesellschaft zuwider war. Er hasste sich sein Leben lang dafür, dass er nicht über die Verhältnisse hinauswuchs, die ihn umgaben. Gefangen zwischen Eitelkeit und Selbsterkenntnis fühlte Brooks sich verpflichtet, jedem einen Spiegel vorzuhalten, ohne Zart- oder Mitgefühl. Und er setzte auch eine Familientradition fort: Wie sein Großvater seinen Vater, wie sein Vater ihn, verachtete auch er seinen Sohn. Antony Baekeland: Tony wurde nie erwachsen genug, um über die Unausgewogenheit der elterlichen Einflüsse hinwegzukommen. Er erstarrte zwischen Barbaras besitzergreifender Liebe und Brooks Gleichgültigkeit und Verachtung. Er hatte eine lebhaften Phantasie. Er hätte ein Künstler oder ein Dichter werden können, aber er war zu schwach, ihm fehlte die Widerstandskraft, die man im Leben braucht. Er wirkte anziehend, er war von einer stillen Schönheit, die etwa das Gegenteil von der Barbaras war, aber er fürchtete insgeheim, er sei häßlich. Er gab sich zum Teil die Schuld, dass die Ehe seiner Eltern in die Brüche ging. Einmal sagte er zu einem Freund: »Meine Eltern sind beide sehr junge Seelen«. Nur im Alter von zwölf Jahren fühlte Tony sich souverän und selbstsicher, das gelang ihm später nie mehr. Mit zwanzig, in Cadaques, rebellierte er gegen seine Eltern. Er schlief mit Jake, er nahm Drogen, aber unglücklicherweise schaffte er es nicht, sich wirklich zu befreien. Als seine Freundin Blanca ihn verließ um mit seinem Vater durchzubrennen, traf ihn das so hart, dass er sich nie mehr ganz davon erholte. Obwohl er anfangs versuchte, seinen Eltern und ihrem Erbe zu entkommen und seinen eigenen Weg zu gehen, verlor er schließlich die Motivation, ähnlich wie es auch Brooks ergangen war. Es blieb ihm nichts weiter übrig, als von weitem zuzusehen, wie sein Leben ihm davonlief, er hatte nicht die Kraft, lenkend einzugreifen.
Gibt es eine Anziehungskraft zwischen Brooks und Barbara, obwohl er sie missachtet? War ihre Beziehung nicht sadistisch? In vieler Hinsicht war Brooks der schwächere Partner in dieser Ehe der Extreme. Obwohl er Barbara auf seine Art innig liebte, war er nicht in der Lage mit ihrem hitzigen Wesen umzugehen. Ich glaube, dass er irgendwann begann, Barbara dafür zu hassen, dass sie in seine »upper-class«Welt eingedrungen war, und ihr die Verantwortung zuschob, dass er seine Möglichkeiten brachliegen ließ. Nach Barbaras Selbstmordversuch schrieb er an einen Freund: »Barbara hat, was mich betrifft, alles herausgeholt, was man aus romantischer Leidenschaft herausholen kann. ... Sie glaubt eisern daran, dass sie nur genügend Druck ausüben muss, um ihren Willen durchzusetzen, und das hat vom Kellner bis zum Premierminister jeder miterlebt. Ich musste mich dem 25 Jahre lang aussetzen... Das ist das Problem mit Melodramen: Nach dem ersten Akt hören die Höhepunkte auf. ... Sie behauptete - natürlich nur, wenn es von gesellschaftlichem Nutzen war - katholisch geboren und erzogen zu sein. Also sollte sie ein bisschen in sich gehen, nicht bei einem Psychiater, sondern bei einem ordentlichen irischen Priester, der sie fragt: Was soll das alles? Das wäre genau der altmodische ethische Ansatz, den sie verstand, bevor sie 1940 nach Hollywood ging, John Jacob Astor dicht auf ihren Fersen. Seitdem gibt es nur Oberflächlichkeit in ihrem Leben. Wozu ich natürlich beitrage.«
Wie ist Barbaras und Brooks' Haltung zu Tonys Homosexualität? In jener Zeit war das ein heikles Thema, aber Barbara scheint dem ziemlich ambivalent gegenüber zu stehen...

Manche Menschen glauben, dass Barbara mit Tony schlief, um ihn »von seiner Homosexualität zu heilen«. Ich denke, die Wahrheit ist wesentlich komplexer. Sex war nur ein Element unter vielen in ihrem rituellen Tanz um Abhängigkeit und Verletzung. Brooks wurde deutlich abgestoßen von Tonys Homosexualität. Er glaubte, dass das der Grund sei, warum er im Leben versagte. Barbara hingegen war weniger hart. Obwohl sie wütend war über Tonys Freund Jake, über seine sexuelle Anziehung und die Macht, die er auf Tony ausübte, verstieß sie ihren Sohn nie so wie Brooks es tat. Später, in London, lehnte sie Tonys dekadenten Freundeskreis ab. Sie konnte es nicht ertragen, wenn er tagelang dorthin verschwand. In der Badewannen-Szene nannte sie das "»The Afternoon of the Longest Laundry«. Es handelte sich wohl um Eifersucht, die noch von ihrem Narzissmus geschürt wurde.
In Mallorca schliefen sie und Tony beide mit Sam. Dabei nahmen sie psychedelische Drogen und rauchten Haschisch. Ein Brief, den Barbara nach seinem Besuch an Sam schrieb, spricht Bände über ihren Geisteszustand in jenen Wochen: »Unsere gemeinsame Zeit war kein Stück von Tennessee Williams oder eine monströse Beschwörung von de Sade ? sondern das klassische und wunderbare Ausleben eines alten Mythos. Wir sind die Veteranen dieses Jahrhunderts, wir waren nie in der Lage, wirklich frei zu sein. Und vielleicht war das besser so, denn manche von uns haben eine fragile Psyche, die Last wäre ihnen zu groß geworden.«


Hat der Film irgendeinen sozialkritischen Anspruch, trotz des Milieus, das er zeigt? Glauben Sie, dass die Dekadenz im Lebensstil der Baekelands auch ihreMoral ruinierte?

Brooks' Großvater Leo schrieb etwas, dass das Dilemma seines Enkels vorwegnahm:
»Meistens verrennen Reisende sich in den Glauben, dass sie das Reisen geniessen. In Wirklichkeit werfen sie nur rechts und links das Geld hinaus, ohne große Befriedigung zu finden. Auf der vergeblichen Suche nach Glück eilen sie von einem Land ins nächste. Normalerweise entdecken sie irgendwann, dass zwei oder drei Großstädte in Europa mit sehr ausgewählten Hotels ihrer perversen psychologischen Verfassung am besten entsprechen.«
(A Family Motor Tour Through Europe, Leo H. Baekeland 1907)

Viele Autoren haben über das gescheiterte Leben amerikanischer Auswanderer geschrieben: Fitzgerald, Hemingway, Bowles, James. Außerdem bestimmt in Amerika der gesellschaftliche Status noch immer jede zwischenmenschliche Beziehung. Savage Grace ist also nicht nur die Geschichte einer spezifischen Familie, es ist auch eine warnende Lektion über den Preis, den man zahlt, wenn man sich so weit von zu Hause entfernt ? im Körper oder im Geist ?, dass man den Weg zurück nicht mehr finden kann.


Tonys Eltern sind blind gegen alle Anzeichen seiner Geisteskrankheit. Erkennen sie sie einfach nicht oder sind sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt?

Es gab viele Menschen, die einzuschreiten versuchten, als es mit Tony bergab ging, aber niemand hatte Erfolg. Ein Freund der Baekelands redete ein Jahr vor dem Mord mit Brooks:
»Ich sagte, »Merkst Du das nicht, Deinem Sohn geht es sehr schlecht. Er braucht ärztliche Hilfe.« Brooks antwortete, »Ach weißt Du, das ist bloß Spiel und Spaß.« Genau das waren seine Worte.«


Brooks, Barbara und Tony verbrachten ihre Leben in einer Art permanenter Kindheit, jeder auf seine Weise. Das Ausufern von 'Spiel und Spaß', zuerst zwischen Brooks und Barbara, dann zwischen Barbara und Tony, forderte letztlich einen schrecklichen Tribut von ihnen allen. Ihre Geschichte zeigte aber auch die interessante Balance zwischen persönlicher Verantwortungslosigkeit und einem geerbten Hang zur Selbstzerstörung.
Tonys liebenswerte Persönlichkeit ging unter dem Druck seiner Mutter allmählich verloren, er wurde zunehmend wütend und gewalttätig gegenüber Barbara. Ironischerweise fand er während seiner Haft in Broadmoor Hospital Trost im Buddhismus:
»Ich fühle Mamis Anwesenheit überall, die ganze Zeit. Sie ist in jedem Baum.«
Bis zum Ende seines Lebens wurde Tony von gewalttätigen Gedanken und Träumen verfolgt: »Dann träumte ich, dass Barbara meinen Nacken aufgeschnitten hatte, damit ich atmen konnte.«


Brooks bleibt als einziger Überlebender der Tragödie zurück, möglichweise als der Schuldige. Er mochte Tony nicht, er fand ihn peinlich und seltsam. Was war der Grund dafür? Warum fühlte sich Brooks von Tony bedroht?
Brooks wirkte überheblich, tatsächlich erkannte er aber die Ursache seines ehelichen Unglücks ganz gut:
»Ich merkte schnell, dass ich mit Barbara, unabhängig davon ob sie schwanger war oder nicht ? und sie war es nicht ?, keine verwandte Seele geheiratet hatte, sondern einen mächtigen und ehrgeizigen Gegner. Sie war wesentlich klüger und eine wesentlich stärkere Persönlichkeit als ich es je sein würde. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich nicht Manns genug für sie war. Was sie brauchte war Henry VIII. Aber den hat sie ja gefunden ? in ihrem Sohn, der ihr dann auch den Kopf abschlug, sozusagen.«
Trotzdem konnte Brooks skrupellos und abweisend sein. Als ein Freund ihn über Barbaras Selbstmordversuch informierte, sah er sich keineswegs in der Pflicht, etwas zu unternehmen.
»Ich sagte ihm, sie läge im Koma und Brooks antwortete: 'Na, wenn sie stirbt, weißt Du ja wo Du mich findest.' Das erschütterte mich. Dann sagte er, und das erschütterte mich wirklich, 'Als ich Barbara kennenlernte, war sie nichts. Sie war bloß so ein rothaariges irisches Mädel. Ich habe sie praktisch von der Straße aufgelesen.'«
Brooks war außerdem zutiefst enttäuscht von seinem Sohn, der die Verheißung nach Größe, die er für seine Familie unbedingt wollte, nicht erfüllen konnte. Allerdings war seine Enttäuschung über Tony zum Teil auch Verzweiflung über sein eigenes Versagen.

Vertuscht Brooks mit seiner Hochnäsigkeit einen schwachen Verstand?

Viele die ihn kannten, sagen, er war ein kluger Kopf, hatte aber nicht die Disziplin, etwas daraus zu machen. Er war ein exzellenter Mathematik- und Physikstudent an der Columbia University, aber er hat nie einen Abschluss zustande gebracht. Jahrelang behauptete er einen Roman zu schreiben, von dem man jedoch nie etwas gesehen hat. Er und Barbara waren beide nicht dumm, das aber auf unterschiedliche Art.

Ist Brooks' Beziehung zu Blanca anders? Respektiert er sie mehr als Barbara, oder reizt ihn nur ihre Jugend?

Es wäre zu einfach, Blanca zu beschuldigen oder Brooks' Beziehung zu ihr als einen Abklatsch seiner Ehe mit Barbara zu betrachten. Blanca war bereits geschieden, sie war erfahrener als viele der jungen Reisenden, die nach Cadaques strömten, und sie stach durch ihre Schönheit hervor. Sie war gebildet, sie hatte in Paris Philosophie studiert, sie besaß Charme und Intuition. Sie stammte aus der Mittelschicht, sie war ehrgeizig, was sie hinter einer Maske der Arglosigkeit verbarg, weshalb sie oft unterschätzt wurde. Blanca war ein echtes Chamäleon, genauso zu Hause in Jeans und Hippieblusen wie später, nach der Heirat mit Brooks, in Haute Couture. Ihr Selbstvertrauen und ihre Unabhängigkeit zogen die Menschen an. Ursprünglich interessierte sie sich für Tonys sanftes, passives Wesen, aber dann verliebte sie sich in Brooks kühle Überheblichkeit. Der Mythos der Baekeland-Familie faszinierte sie und Brooks' Aura von altem Reichtum ebenfalls. Unter seiner Führung veränderte sie sich rasch vom Hippiemädchen in eine bourgeoise Lady. Tony konnte ihre Aufmerksamkeit nicht lange fesseln, es war bitter für ihn, von ihr zurückgelassen zu werden. Barbara sah Blanca anfangs gern und ermutigte Tony zu dieser Beziehung, entdeckte aber bald jenen vertrauten Ehrgeiz bei ihr, der den gesellschaftlichen Aufstieg anstrebt. Außerdem hasste sie Blanca natürlich für ihre Jugend, ihre Schönheit und ihren Erfolg bei Brooks. Blanca wollte sicherlich auch Geld und Status, aber ich will nicht über sie urteilen. Die Faszination dieses Materials liegt gerade in seinen vielen widersprüchlichen Seiten.

Sie haben zuletzt bei SWOON Regie geführt, das liegt eine Weile zurück. Sie haben zwar seither ständig in dieser Branche gearbeitet, aber warum dauerte es so lang, bis sie wieder einen Spielfilm inszenierten? Hat ihre Arbeit als Videokünstler Einfluss auf ihre Arbeit als Regisseur?

Nach SWOON habe ich als Produzent gearbeitet. 1994 war ich Produzent von Rose Troches Erstling GO FISH, der in Sundance lief. Dann war ich Produzent von Mary Harrons Erstling I SHOT ANDY WARHOL, der 1996 in Cannes lief. Ich inszenierte einen Kurzfilm, um den 30. Geburtstag des Modedesigners Geoffrey Beene zu feiern. Er war vom Stummfilm inspiriert, Marcia Gay Harden, Viveca Lindfors, Russell Wong und Claire Danes spielten mit. Dann machte ich den Kurzfilm PLAIN PLEASURES mit Frances McDormand, Lili Taylor und Will Patton, der in Amerika auf PBS gezeigt wurde. Seit 1985 arbeite ich in den verschiedensten Medien: auf Video, Super-8, 16mm oder ich mache Installationen. Diese kleineren Arbeiten werden in den Museen in aller Welt ausgestellt und sie sind ein befreiendes Gegengewicht zu der enormen Größe eines Spielfilmprojekts. Mit so kurzen, experimentellen Projekten kann ich erfinden und herumprobieren. Sie sind wie ein Spielplatz, im Gegensatz zu meinen ordentlichen, klassisch strukturierten Spielfilmen.

savagegrace10

Barbara ist verzweifelt ... ihr entgleitet ihr Leben ...

Dieser Film lief im Xenon im Juni bis Juli 2008