Xenon Kino Berlin

Filmkunstkino in Berlin-Schöneberg

Love, Cecil
USA 2017 • 99 Min. • frei ab 0 • engl. O.m.U.
Regie: Lisa Immordino Vreeland ( s.a. »Peggy Guggenheim - Art Addict«)
Buch: Lisa Immordino Vreeland
mit: Sir Cecil Beaton, Hamish Bowles, David Hockney (s.a. »Hockney«), Leslie Caron
Kamera / Bildgestaltung: Shane Sigler
Schnitt / Montage: Bernadine Colish ( s.a. »Peggy Guggenheim - Art Addict«)
Musik: Phil France
Erzähler: Rupert Everett (s.a. »§ 175« und Darsteller in »The Happy Prince« und »Stage Beauty« und »Ein Freund zum Verlieben« und »Ein perfekter Ehemann«)

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Cecil Beaton in Hollywood. Copyright: StudiocanalGmbH / Courtesy of the Cecil Beaton Studio Archive at Sotheby's

Faszinierender Dandy und Jahrhundertfotograf: Cecil Beaton (1904 – 1980) ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, der seiner Zeit weit voraus war. Ob als Fotograf für die VOGUE oder den britischen Hof, Kostümdesigner oder Innenarchitekt: Beaton war ein absolutes Multitalent und faszinierte diesseits und jenseits des Atlantiks die oberen Zehntausend. Er kleidete Audrey Hepburn ein, porträtierte Marilyn Monroe, Greta Garbo gehörte mit zu seinem engsten Umfeld … Sein künstlerisches Schaffen prägte Generationen und inspiriert noch heute.

Cecil Beaton (1904-1980), dreifacher Oscar-Preisträger, Fotograf, Schriftsteller und Maler, war nicht nur ein brillanter Chronist, sondern auch ein Visionär und künstlerisches Genie seiner Zeit. Er zählte zu den großen interdisziplinären Künstlern des 20. Jahrhunderts. Sein Sinn für das Visuelle gab einen Stil vor, der kreative Maßstäbe setzte, die auch heute noch mitschwingen und inspirieren. Sein Vermächtnis ist bedeutungsvoll. Seine schöpferische Kraft und Genialität waren von medialer Breite und besaßen eine Ästhetik, die in allen Hauptstädten der Welt populär wurde. Beaton bereiste die Welt mit Hingabe und schuf in jeder Stadt eine kreative Plattform. Seine Heimatstadt London repräsentierte seine Transformation von einer mittelständigen Kindheit zum Fotografen der Königin.
Sein Werk umschloss die kulturelle und intellektuelle Elite Europas, den Zweiten Weltkrieg, die neue Welt Amerika, die königliche Familie und die schwungvollen 1960er Jahre. New York stellte seinen Einstieg in die Modebranche dar. Seine Arbeiten erschienen häufig auf den Seiten der Vogue. Auch heute noch, unter dem strengen Auge von Anna Wintour, wird Beatons Beitrag sehr hoch geschätzt und als Vogue-Insiderarbeit betrachtet. Amerika repräsentierte das zunächst ferne und unantastbare Hollywood – eine Welt nach der, auch Beaton, sich lange Zeit sehnte .Ein Traum ging in Erfüllung als er 1964 zwei Oscars für seine Arbeit an dem Film My Fair Lady  (Bestes Szenenbild und Bestes Kostümdesign) gewann.

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Cecil Beaton Selbstportraits - Späte 1910er. Copyright: StudiocanalGmbH / Courtesy of the Cecil Beaton Studio Archive at Sotheby's

Beatons Blick auf die Welt war stets sehr zeitgemäß. Er sah ihre unendliche Weite und die grenzenlosen Möglichkeiten. Sein glühender Drang nach Erfolg überdeckte seine persönliche Unzufriedenheit. Er fand nie die Liebe und starb schließlich recht einsam. Sein Butler Ray Gurton sagte, dass es drei Beatons in einem gab, und es war immer eine Überraschung zu sehen, wer zum Vorschein kam. Seine schöpferische Kraft und seine ästhetische Vision ließen ihn seine Schwächen überwinden und sich als Vorreiter und Held für die heutige kreative Kunstszene neu erfinden. Cecil Beaton war auch ein Mann dieses Jahrhunderts. Sein sehr moderner Lebensstil zeigte, dass Kreativität auf mehreren Plattformen und in verschiedenen Ländern möglich ist. Seine künstlerische Vision bestimmte sein Leben und diktierte seine Entscheidungen. Sein wichtiger Einfluss auf die Welt der Fotografie, des Films und der Mode ist auch heute noch spürbar. Noch bevor wir diese Begriffe kannten, war er bereits ein Netzwerker, Blogger und Instagrammer. Beaton war ein Virtuose, der nie damit aufhörte Ideen zu entwickeln. Das ist auch für unsere Zeit eine äußerst faszinierende und gewichtige Lebensgeschichte.

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Cecil Beaton New York - Späte 1930er. Copyright: StudiocanalGmbH / Courtesy of the Cecil Beaton Studio Archive at Sotheby's

Beaton dokumentierte die Geschichte des 20.Jahrhunderts: In der Porträtreihe ‚The Bright Young Things’ der 20er, den Aufnahmen berühmter Kreativer der 30er (von Jean Cocteau über Coca Chanel bis Salvador Dali), den Bildern des bombardierten Londons der 40er, den royalen Krönungsfotos und in den Porträts der unnahbar wirkenden Filmschönheiten der 50er sowie London in der Swing-Zeit der 1960er.
Seine Bilder zeigen eine vergangene Epoche, die er mit einem goldenen Heiligenschein verzauberte: ‚Ich schuf eine Fantasie, ich schuf eine Traumwelt’, sagte er. Beaton hat nicht nur eine nostalgische Welt eleganter Berühmtheiten, rosafarbener Gärten und Landhäuser in seinen Arbeiten festgehalten, sondern diese auch mythologisiert. Das Edwardianische England, das er mit seinem Kostüm- und Bühnenbild für den Film ‚My Fair Lady’ (1964) darstellte, war größtenteils seine eigene Kreation und ein Fantasiebild seiner Kindheit. Beaton setzte visionäre Maßstäbe für die Zukunft. Er war einer der ersten Fotografen, der seine Bilder bearbeitete, um seinen Kunden zu schmeicheln. In seiner Dunkelkammer schmälerte er Taille und Kinn. Er war ein begnadeter Ikonograf. Seine Karriere spiegelt auch wider, wie sich das Bild des Ruhms veränderte, von den aristokratischen und intellektuellen Begabten des frühen Jahrhunderts zu den neuen aufstrebenden Berühmtheiten jenseits des Atlantiks in der Nachkriegszeit. Beaton war visueller Publizist. Seine Porträts erhöhten und verherrlichten seine Sujets - ganz im krassen Gegensatz zu dem Glamourverlust prominenter Persönlichkeiten, der mit dem Paparazzi- und Internetzeitalter begann.
Und so wurde Beaton zum Insider der internationalen Kreativszene, was er mit ebenso großem Eifer dokumentierte, wie heutige Instagram-Nutzer und Blogger. Mit dem Bewusstsein, einen seltenen Zugang zu den berühmten Persönlichkeiten zu haben, die er fotografierte, notierte er ihre Eigenarten und Schwächen in seinen privaten Tagebüchern, die sich über den Zeitraum von 1922 bis 1974 erstrecken. Außerdem führte er immer ein marmoriertes Notizbuch mit sich, um schnell unzensierte Bleistiftporträts seiner Sujets anzufertigen. Es war, als ob all die Mängel, die er in seinen Fotografien höflich entfernte, in seinen Journalen und Karikaturen wieder auftauchten. Beatons Werk ist ein umfangreiches Augenzeugenporträt seiner Zeit.

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Cecil Beaton in seinen Zwanzigern. Copyright: StudiocanalGmbH / Courtesy of a Private Collection

Beaton war weit mehr als nur ein schmeichelhafter Hofmaler, auch besaß er meisterlichen Erfindungsgeist, ganz besonders in Bezug auf sich selbst. Sein unersättliches Verlangen nach sozialer Erhebung entsprang der tiefen Überzeugung, dass ihm im Leben aus Versehen ein Ticket der zweiten Klasse überreicht worden sei. Sein Vater war Holzhändler und seine Mutter war die Tochter eines Schmieds aus der Grafschaft Cumbria, im Nordwesten Englands. Beatons Familie zählte zum ‚neureichen’ (Nouveau Riche) Mittelstand in Hampstead. So konnte er seine tristen Anfänge überwinden und in das Epizentrum der vergoldeten Gesellschaftskreise, sogar bis hin zur Gunst der königlichen Familie gelangen, was eine Art soziale Mobilität darstellte, die in Großbritannien bis in die 1960er Jahre nicht möglich war.
Er war ebenso charmant wie klug, aber allen voran ein virtuoser Netzwerker. ‚Cecil hat sich als Persönlichkeit komplett selbst erschaffen’, sagte Truman Capote. Es war wohl kein Zufall, dass sich Beaton mit der antiken Geschichte des Pygmalion verbunden fühlte, entsprach die Erzählung in gewisser Weise seiner eigenen Neuerfindung. Er verfeinerte seinen kultivierten Akzent und seinen Dandyismus in Cambridge und in St. Cyprians, eine Internatsschule in Eastbourne, die von Leuten wie u.a. Cyril Connolly und George Orwell besucht wurde.
Beaton flüchtete sein ganzes Leben lang vor der Mittelmäßigkeit, die er so verabscheute. Er suchte Ruhm und Anerkennung bei den glamourösen Schöngeistern der britischen Oberschicht, den europäischen Intellektuellen und den neu emporkommenden Hollywoodstars in Amerika. „Sei mutig, sei anders, sei unpraktisch, sei alles, was dein Streben und deine visionäre Vorstellungskraft von den Sicherheitsdenkenden, den Kreaturen des Alltäglichen, den Sklaven des Gewöhnlichen abhebt“, erklärte er. Er hatte immer den unerbittlichen Drang durch seine eigenen ästhetischen Leistungen zu beweisen, dass er ‚kein anonymer, gewöhnlicher Mensch’ war. Diese Triebkraft steigerte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als er sich mit Theaterkostümen, Bühnenbildern und Büchern beschäftigte. ‚Wir haben immer gesagt, dass es in Cecil Beaton einen weiteren Cecil Beaton gibt, der wiederum viele kleine Cecils in die Welt hinaus schickt’, sagte der Lyriker Alan Jay Lerner, der mit Beaton an den Sets von My Fair Lady  und Gigi  (1958) arbeitete. ‚Einer machte das Bühnenbild, der andere die Kostüme. Ein dritter machte Fotos. Ein anderer wiederum veröffentlichte die Entwürfe und Skizzen in einer Ausstellung, dann in Zeitschriften, dann in einem
Buch. Ein weiterer Cecil fotografierte die Skizzen und verkaufte sie.’

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Cecil Beaton im Selbstportrait. Copyright: StudiocanalGmbH / Courtesy of the Cecil Beaton Studio Archive at Sotheby's

Beatons sexuelle Neigung war nie ganz eindeutig klar. Er war der Liebhaber gefeierter, gut vernetzter Frauen wie die Tänzerin Adele Astaire, Schwester von Fred; die schöne sinnliche Viscountess Castlerosse oder die freimütige Schauspielerin Coral Browne. Daneben hatte er aber auch komplizierte Beziehungen zu Männern. Seine amouröse Existenz war geprägt von frustrierter Liebe zu Personen, wie Greta Garbo, die er idealisierte, und von kurzen Beziehungen zu denjenigen, bei denen er meinte, sie würden seine Ideale nicht teilen. ‚Vielleicht ist Langeweile das zweitschlimmste Verbrechen der Welt’, feixte er. ‚Das erste ist selbst ein Langweiler zu sein.’ Er fand nie eine langfristige Partnerschaft, mit keinem der beiden Geschlechter. Ein gemütliches, häusliches Leben, das ihm vielleicht bedingungslose Anerkennung hätte bieten können, war nichts für Beaton. Stattdessen diente ihm der gesellschaftliche Trubel mit all seinen Verheißungen, als Heimat, sowohl als Ventil für, als auch als Ablenkung von seiner emotionalen Unzufriedenheit.