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Der Hintergrund:
Die Plastik-Erfindung: Basierend auf dem Tatsachenroman »Savage Grace« erzählt »Wilde Unschuld« die Geschichte der Industriellenfamilie Baekeland um Barbara
Daly Baekeland und ihren Mann Brooks Baekeland sowie deren gemeinsamen
Sohn Tony. 1907 erfand der in die USA ausgewanderte Belgier Leo
Hendrik Baekeland einen neuen Werkstoff: Aus Phenol und Formaldehyd
gelang ihm die Herstellung einer Substanz, die er Bakelit nannte.
Zusammen mit einem befreundeten Unternehmer gründete Baekeland
1909 die Bakelite Corporate, die Bakelit in großen Mengen herstellte.
In Deutschland entstand parallel die Bakelite Gesellschaft mbH
in Berlin. Seine revolutionäre Erfindung war von Anfang an ein
riesiger Erfolg. Zu Beginn der 30er Jahre gab es bereits mehrere
hundert Presswerke und Hersteller des Kunststoffes. Bakelit wurde
vor allem zur Herstellung von Telefonen, Lichtschalter- und Steckdosen-Gehäusen,
Haushalts- und Küchengeräten, Ziergegenständen, Modeschmuck, Waffenbeschlägen
und Büroartikeln verwendet. Noch bis in die frühen 60er Jahre
spielte der Vorgänger des Plastiks eine entscheidende Rolle als
moderner Werkstoff. Den Geschäftssitz hatte die Gesellschaft aus
Berlin in die tiefste Provinz verlegt in das sauerländische
Letmathe (heute ein Stadtteil von Iserlohn). Produziert wurden
in Duisburg und in der Nähe von Kassel.
Reichtum und Ansehen: Seine Erfindung bescherte Leo Baekelands Firma Millionengewinne
und machte ihn zu einem der reichsten und angesehensten Industriellen
Amerikas. Nach Streitigkeiten mit seinem Sohn verkaufte Leo Baekeland
seine Firma Bakelite Corporate 1939 für mehrere Millionen Dollar
und setzte sich zur Ruhe. Er starb fünf Jahre darauf. Ende April
2005 wurde die Bakelite AG von Borden Chemical Inc. gekauft. Das
Unternehmen ging in der Hexion Specialty Chemicals Inc. auf.
Der Reichtum der Familie und das gesellschaftliche Ansehen in
der New Yorker Gesellschaft waren ausschlaggebende Gründe für
Barbara Daly, den Erben des Bakelit- Imperiums Brooks Baekeland
zu heiraten. Regisseur Tom Kalin beschreibt Barbaras Persönlichkeit
so: »Als sie ein Teenager war, beging ihr Vater Selbstmord. Er wurde
von Barbaras Bruder gefunden, der später, möglicherweise absichtlich,
mit dem Auto tödlich verunglückte. Wie viele andere schöne Frauen
ihrer Generation, die kein Geld hatten, sah sie ihre Chance in
einer reichen Heirat. In den 1940ern galt Barbara als eine der
zehn schönsten Frauen New Yorks. John Jacob Astor umwarb sie,
und sie ging für kurze Zeit nach Hollywood, um einen Screen-Test
mit Dana Andrews zu machen. Sie besaß eine unbekümmerte Ausstrahlung,
die für Frauen damals selten war, und darin bestand auch ihre
Anziehungskraft auf Brooks. Ihre Schwäche war ihr Narzissmus,
dem eine tiefe Unsicherheit zugrunde lag, und ihre Obsession,
einer gesellschaftlichen Oberschicht anzugehören. Ihre Fähigkeit,
sich selbst ständig neu zu erfinden, erforderte Kraft und Phantasie,
aber sie offenbarte auch ihre Angst, demaskiert zu werden als
jemand, der nicht gut genug ist für seine Umgebung. Ihre Sehnsucht
nach Liebe, sei es die von Brooks oder ihres gemeinsamen, 1947
geborenen Sohnes Tony, machte sie verletzlich und beherrschte
ihr ganzes Leben.«
Der Niedergang: Als Brooks seine Frau schließlich für eine jüngere Geliebte verließ,
vertiefte sich das Verhältnis zwischen der narzisstischen Barbara
und ihrem Sohn Tony, der zum Ersatz für ihre sozialen und emotionalen
Bedürfnisse geworden war. Obwohl bei Tony Anzeichen von Schizophrenie
festzustellen waren, weigerte sich sein Vater, für eine psychiatrische
Behandlung aufzukommen. Die labile psychische Verfassung Tonys
wurde zur tickenden Zeitbombe - und aus der immer unbedingter
werdenden Intimität von Mutter und Sohn erwuchs schließlich die
Saat einer spektakulären Tragödie ... |
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Interview mit dem Regisseur Tom Kalin:
Was hat Sie an dem Buch Savage Grace gereizt? Wie bei SWOON, dem
letzten Film, bei dem Sie Regie führten, handelt es sich auch
hier um ein Tabu, um eine »verbotene« Liebesgeschichte, die mit einem Mord endet.
Schon vor etlichen Jahren gab mir Christine Vachon das Buch Savage
Grace von Natalie Robins und Steven M.L. Aronson zu lesen. Ich
war gefesselt von der sensationellen Geschichte der Baekelands,
aber mehr noch von dem Echo der klassischen Tragödie, das sich
darin findet. Die traurige Schönheit des Stoffes zog mich an,
dieser Zusammenprall von Eleganz und Gewalt. Trotzdem war der
Höhepunkt des Films, Barbaras Tod, nicht das, was mich am meisten
reizte. Barbaras Originalität, ihr spezifisch amerikanischer Charakter
(eine Self-Made-Frau der Vierziger Jahre mit dem Instinkt eines
Spielers), ihr glänzender Aufstieg und verheerender Fall, das
waren die Elemente, die ich an diesem Drama schätzte. Und wie
bei SWOON gab es bei Savage Grace eine zentrale Frage: Hat Tony
seine Mutter einfach umgebracht? Oder hat womöglich Barbara, in
einer diffizilen Form von Narzissmus, Tony zu dem Werkzeug erzogen,
welches ihren Tod herbeiführen soll?
Schließlich, und das ist vielleicht das Wichtigste, haben mich
diese extrem beschädigten Charaktere angezogen. Am Ende empfand
ich durchaus Mitgefühl für sie, eine, wenn auch komplizierte,
Loyalität. Natürlich war eine Tragödie für solche Menschen unvermeidbar.
Um dazu eine Besprechung des Buches Savage Grace zu zitieren,
die Geschichte der Baekelands ist eine Geschichte »vom profunden
Versagen bei den einfachsten Pflichten der Liebe«.
Der Film reicht über einen Zeitraum, in dem es viele Veränderungen
gab, von den Vierziger bis zu den Siebziger Jahren. Wieviel künstlerische
Freiheit hatten Sie bei der Adaption des Buches? Ist die Struktur,
die Sie dann wählten, weit vom Buch entfernt?
Ich konnte mit dem Drehbuchautor, Howard Rodman, hervorragend
arbeiten. Wir wussten beide, dass das Buch zu ausufernd für eine
einfache Adaption war. Es ist hauptsächlich in wörtlicher Rede
abgefasst, es besteht aus unzähligen Berichten von Zeugen oder
Teilnehmern der Baekeland-Saga, und es umspannt dazu noch beinahe
das ganze Jahrhundert. Howard und ich begannen, jeder für sich,
die fünf Momente in Barabaras Lebensgeschichte herauszufiltern,
die wir für entscheidend hielten. Als wir unsere Ergebnisse verglichen,
waren sie fast identisch. Zu einem großen Teil ging es um die
Entscheidung, was man weglässt, und wie man die Wendepunkte ihres
Lebens in eine Geschichte einbettet. Zum Beispiel die Szene am
Cadogan Square: auf den Fotografien im Buch wurde sie nur angedeutet.
Aber ich erkannte alles, was ich über die inzestuöse Beziehung
von Barbara und Tony wissen musste, auf einem Foto von den beiden
aus dem Jahr 1971, das ich fand. Da räkelte sich Tony auf einem
sonst sehr ordentlichen Sofa, Zigarette in der Hand, dicht neben
ihm saß Barbara, bewaffnet mit Chanel und Perlen.
Auch die Badewannenszene in Paris 1959 haben wir nach einem Foto
inszeniert. Auf diesem Foto liegt der zwölfjährige Tony in der
Wanne, das Gesicht engelhaft, den Blick verführerisch direkt in
die Kamera gerichtet. Sicher hat Barbara es gemacht. Das Foto
ist zugleich süss und gruselig, es fängt einen Moment ein, der
auf die Gefahr hinweist, die bereits unter der Oberfläche schlummert.
Diese Fotos waren überhaupt eine unschätzbare Hilfe für meine
Mitarbeiter, besonders für den Kameramann Juanmi Azpiroz, den
Produktionsdesigner Victor Molero und die Kostümbildnerin Gabriela
Salaverri. Juanmi hat ein Gespür dafür, das Licht so zu setzen,
dass es eine gespannte Atmosphäre verstärkt. Die Herausforderung
für Victor und Gabriela wiederum waren die verschiedenen Modeströmungen.
Das haben sie sehr subtil gemeistert, zum Beispiel sieht der lockere
Stil von Tony und seinen Freunden in Cadaques Mitte der Sechziger
Jahre überraschend zeitlos aus man braucht gar keine weißen
Stiefel und keine Miniröcke. Auch die Ausstattung, die eine ständig
wechselnde Zeitgeschichte mit einbeziehen musste, war hervorragend.
Vor allem wenn man weiß, dass der ganze Film in und um Barcelona
gedreht wurde. Das war übrigens auch einer der Höhepunkte meiner
Karriere einmal einen Film in Spanien zu machen.
In einer Geschichte von solchem Umfang ist es unvermeidlich, dass
man manches vereinfacht, anderes auslässt, oder gar Charaktere
verändert. Howard und ich versuchten, das einzufangen, was wir
für die emotionale Wahrheit hielten, und wir blieben skeptisch
gegenüber dem, was als die offizielle Geschichte gilt.
Warum wollten Sie Julianne Moore als Barbara?
Ich traf Julianne kurz, als Todd Haynes SAFE drehte, und später
noch einmal am Set von FAR FROM HEAVEN. Julianne ist eine der begabtesten Schauspielerinnen unserer Zeit,
ihre Arbeit zeigt eine erstaunliche Bandbreite und Vielschichtigkeit.
Ich dachte, sie wäre als Barbara unvergesslich, denn sie wüsste
instinktiv, wie man dieser Rolle Menschlichkeit und emotionale
Tiefe verleiht.
Ich schickte ihr das Drehbuch und wir trafen uns anschließend
zum Essen. Ich plapperte nervös, während sie sich ein Album mit
Fotos von Barbara, Tony und Brooks anschaute. Man konnte ihre
Ähnlichkeit mit Barbara nicht übersehen. Das war natürlich ein
zusätzlicher Bonus. Tatsächlich aber war es Juliannes Fähigkeit,
durch winzige Gesten Gefühle sichtbar zu machen, mit der sie später
Barbara zum Leben erweckte. Außerdem war es toll, dieser Figur
über eine lange Zeitspanne zu folgen, zuzusehen, wie Julianne
dieses ganze Leben durchspielte, vom Triumph bis zum Scheitern.
Die Charaktere in Savage Grace sind vielschichtig. Können Sie
uns sagen, wie
Sie die drei Hauptfiguren Barbara, Brooks und Tony sehen?
Barbara Daly Baekeland: Barbara Daly wurde 1920 in der Nähe von Boston geboren. Als sie
ein Teenager war, beging ihr Vater Selbstmord. Er wurde von Barbaras
Bruder gefunden, der später, möglicherweise absichtlich, mit dem
Auto tödlich verunglückte. Wie viele andere schöne Frauen ihrer
Generation, die kein Geld hatten, sah sie ihre Chance in einer
reichen Heirat. In den 1940ern galt Barbara als eine der zehn
schönsten Frauen New Yorks. John Jacob Astor umwarb sie und sie
ging für kurze Zeit nach Hollywood, um einen Screen-Test mit Dana
Andrews zu machen. Sie besass eine unbekümmerte Ausstrahlung,
die für Frauen damals selten war und darin bestand auch ihre Anziehungskraft
auf Brooks. Ihre Schwäche war ihr Narzissmus, dem eine tiefe Unsicherheit
zugrunde lag, und ihre Obsession, einer gesellschaftlichen Oberschicht
anzugehören. Die Menschen um sie herum sahen sie als mutig und
närrisch gleichzeitig. Ihre Fähigkeit, sich selbst ständig neu
zu erfinden, erforderte Kraft und Phantasie, aber sie offenbarte
auch ihre Angst, demaskiert zu werden als jemand, der nicht gut
genug ist für seine Umgebung. Der gesellschaftliche Status, den
sie erlangte, war trotzdem nicht genug: Ihre Sehnsucht nach Liebe,
sei es die von Brooks, von Tony, von Sam, machte sie verletzlich
und beherrschte ihr ganzes Leben.
Brooks Baekeland: Aus dem Buch Savage Grace: »Er (Brooks' Vater George) hatte auch
Stilbewußtsein oder Panache, wie die Franzosen sagen. Aber es
war bloß Show. Er benahm sich immer, als stünde er vor einem Spiegel.
... Letztlich waren seine Arroganz und sein Grimm Schutzmaßnahmen,
sie sollten eine große Schüchternheit und sein Gefühl mangelnder
sozialer Kompetenz verbergen. Ich weiß das, weil ich sein Sohn
bin und viele seiner Charakterzüge geerbt habe. Mein Vater schrie
im Dunkeln, um die Dämonen fernzuhalten. Das ging einfach, denn
er war ein reicher und beschützter Mann. Mein Großvater sagte
oft: Geld hat den Vorteil, dass es uns ermöglicht, nicht mit den
Folgen unserer Fehler leben zu müssen.«
Obwohl Brooks für Barbara alle Werte der »guten Gesellschaft«
verkörperte, zweifelte er selbst doch daran, dass das der Wahrheit
entsprach. Das schlechte Urteilsvermögen seines Vaters hatte das
Familienkapital verkleinert und Brooks war enttäuscht, dass das
Genie seines Großvaters offenbar weder auf den Vater noch auf
ihn vererbt worden war. Er balancierte zwischen Snobismus und
dem Wissen, dass seinem Großvater all das Gehabe eben dieser Gesellschaft
zuwider war. Er hasste sich sein Leben lang dafür, dass er nicht
über die Verhältnisse hinauswuchs, die ihn umgaben. Gefangen zwischen
Eitelkeit und Selbsterkenntnis fühlte Brooks sich verpflichtet,
jedem einen Spiegel vorzuhalten, ohne Zart- oder Mitgefühl. Und
er setzte auch eine Familientradition fort: Wie sein Großvater
seinen Vater, wie sein Vater ihn, verachtete auch er seinen Sohn.
Antony Baekeland: Tony wurde nie erwachsen genug, um über die Unausgewogenheit der
elterlichen Einflüsse hinwegzukommen. Er erstarrte zwischen Barbaras
besitzergreifender Liebe und Brooks Gleichgültigkeit und Verachtung.
Er hatte eine lebhaften Phantasie. Er hätte ein Künstler oder
ein Dichter werden können, aber er war zu schwach, ihm fehlte
die Widerstandskraft, die man im Leben braucht. Er wirkte anziehend,
er war von einer stillen Schönheit, die etwa das Gegenteil von
der Barbaras war, aber er fürchtete insgeheim, er sei häßlich.
Er gab sich zum Teil die Schuld, dass die Ehe seiner Eltern in
die Brüche ging. Einmal sagte er zu einem Freund: »Meine Eltern
sind beide sehr junge Seelen«.
Nur im Alter von zwölf Jahren fühlte Tony sich souverän und selbstsicher,
das gelang ihm später nie mehr. Mit zwanzig, in Cadaques, rebellierte
er gegen seine Eltern. Er schlief mit Jake, er nahm Drogen, aber
unglücklicherweise schaffte er es nicht, sich wirklich zu befreien.
Als seine Freundin Blanca ihn verließ um mit seinem Vater durchzubrennen,
traf ihn das so hart, dass er sich nie mehr ganz davon erholte.
Obwohl er anfangs versuchte, seinen Eltern und ihrem Erbe zu entkommen
und seinen eigenen Weg zu gehen, verlor er schließlich die Motivation,
ähnlich wie es auch Brooks ergangen war. Es blieb ihm nichts weiter
übrig, als von weitem zuzusehen, wie sein Leben ihm davonlief,
er hatte nicht die Kraft, lenkend einzugreifen.
Gibt es eine Anziehungskraft zwischen Brooks und Barbara, obwohl
er sie missachtet? War ihre Beziehung nicht sadistisch?
In vieler Hinsicht war Brooks der schwächere Partner in dieser
Ehe der Extreme. Obwohl er Barbara auf seine Art innig liebte,
war er nicht in der Lage mit ihrem hitzigen Wesen umzugehen. Ich
glaube, dass er irgendwann begann, Barbara dafür zu hassen, dass
sie in seine »upper-class«Welt eingedrungen war, und ihr die Verantwortung
zuschob, dass er seine Möglichkeiten brachliegen ließ. Nach Barbaras
Selbstmordversuch schrieb er an einen Freund:
»Barbara hat, was mich betrifft, alles herausgeholt, was man aus
romantischer Leidenschaft herausholen kann. ... Sie glaubt eisern
daran, dass sie nur genügend Druck ausüben muss, um ihren Willen
durchzusetzen, und das hat vom Kellner bis zum Premierminister
jeder miterlebt. Ich musste mich dem 25 Jahre lang aussetzen...
Das ist das Problem mit Melodramen: Nach dem ersten Akt hören
die Höhepunkte auf.
... Sie behauptete - natürlich nur, wenn es von gesellschaftlichem
Nutzen war - katholisch geboren und erzogen zu sein. Also sollte
sie ein bisschen in sich gehen, nicht bei einem Psychiater, sondern
bei einem ordentlichen irischen Priester, der sie fragt: Was soll
das alles? Das wäre genau der altmodische ethische Ansatz, den
sie verstand, bevor sie 1940 nach Hollywood ging, John Jacob Astor
dicht auf ihren Fersen. Seitdem gibt es nur Oberflächlichkeit
in ihrem Leben. Wozu ich natürlich beitrage.«
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Wie ist Barbaras und Brooks' Haltung zu Tonys Homosexualität?
In jener Zeit war das ein heikles Thema, aber Barbara scheint
dem ziemlich ambivalent gegenüber zu stehen...
Manche Menschen glauben, dass Barbara mit Tony schlief, um ihn
»von seiner Homosexualität zu heilen«. Ich denke, die Wahrheit
ist wesentlich komplexer. Sex war nur ein Element unter vielen
in ihrem rituellen Tanz um Abhängigkeit und Verletzung. Brooks
wurde deutlich abgestoßen von Tonys Homosexualität. Er glaubte,
dass das der Grund sei, warum er im Leben versagte. Barbara hingegen
war weniger hart. Obwohl sie wütend war über Tonys Freund Jake,
über seine sexuelle Anziehung und die Macht, die er auf Tony ausübte,
verstieß sie ihren Sohn nie so wie Brooks es tat. Später, in London,
lehnte sie Tonys dekadenten Freundeskreis ab. Sie konnte es nicht
ertragen, wenn er tagelang dorthin verschwand. In der Badewannen-Szene
nannte sie das "»The Afternoon of the Longest Laundry«. Es handelte
sich wohl um Eifersucht, die noch von ihrem Narzissmus geschürt
wurde.
In Mallorca schliefen sie und Tony beide mit Sam. Dabei nahmen
sie psychedelische Drogen und rauchten Haschisch. Ein Brief, den
Barbara nach seinem Besuch an Sam schrieb, spricht Bände über
ihren Geisteszustand in jenen Wochen: »Unsere gemeinsame Zeit
war kein Stück von Tennessee Williams oder eine monströse Beschwörung
von de Sade sondern das klassische und wunderbare Ausleben eines
alten Mythos. Wir sind die Veteranen dieses Jahrhunderts, wir
waren nie in der Lage, wirklich frei zu sein. Und vielleicht war
das besser so, denn manche von uns haben eine fragile Psyche,
die Last wäre ihnen zu groß geworden.«
Hat der Film irgendeinen sozialkritischen Anspruch, trotz des
Milieus, das er zeigt? Glauben Sie, dass die Dekadenz im Lebensstil
der Baekelands auch ihreMoral ruinierte?
Brooks' Großvater Leo schrieb etwas, dass das Dilemma seines Enkels
vorwegnahm:
»Meistens verrennen Reisende sich in den Glauben, dass sie das
Reisen geniessen. In Wirklichkeit werfen sie nur rechts und links
das Geld hinaus, ohne große Befriedigung zu finden. Auf der vergeblichen
Suche nach Glück eilen sie von einem Land ins nächste. Normalerweise
entdecken sie irgendwann, dass zwei oder drei Großstädte in Europa
mit sehr ausgewählten Hotels ihrer perversen psychologischen Verfassung
am besten entsprechen.«
(A Family Motor Tour Through Europe, Leo H. Baekeland 1907)
Viele Autoren haben über das gescheiterte Leben amerikanischer
Auswanderer geschrieben: Fitzgerald, Hemingway, Bowles, James.
Außerdem bestimmt in Amerika der gesellschaftliche Status noch
immer jede zwischenmenschliche Beziehung. Savage Grace ist also
nicht nur die Geschichte einer spezifischen Familie, es ist auch
eine warnende Lektion über den Preis, den man zahlt, wenn man
sich so weit von zu Hause entfernt im Körper oder im Geist ,
dass man den Weg zurück nicht mehr finden kann.
Tonys Eltern sind blind gegen alle Anzeichen seiner Geisteskrankheit.
Erkennen sie sie einfach nicht oder sind sie zu sehr mit sich
selbst beschäftigt?
Es gab viele Menschen, die einzuschreiten versuchten, als es mit
Tony bergab ging, aber niemand hatte Erfolg. Ein Freund der Baekelands
redete ein Jahr vor dem Mord mit Brooks:
»Ich sagte, »Merkst Du das nicht, Deinem Sohn geht es sehr schlecht.
Er braucht ärztliche Hilfe.« Brooks antwortete, »Ach weißt Du,
das ist bloß Spiel und Spaß.« Genau das waren seine Worte.«
Brooks, Barbara und Tony verbrachten ihre Leben in einer Art permanenter
Kindheit, jeder auf seine Weise. Das Ausufern von 'Spiel und Spaß',
zuerst zwischen Brooks und Barbara, dann zwischen Barbara und
Tony, forderte letztlich einen schrecklichen Tribut von ihnen
allen. Ihre Geschichte zeigte aber auch die interessante Balance
zwischen persönlicher Verantwortungslosigkeit und einem geerbten
Hang zur Selbstzerstörung.
Tonys liebenswerte Persönlichkeit ging unter dem Druck seiner
Mutter allmählich verloren, er wurde zunehmend wütend und gewalttätig
gegenüber Barbara. Ironischerweise fand er während seiner Haft
in Broadmoor Hospital Trost im Buddhismus:
»Ich fühle Mamis Anwesenheit überall, die ganze Zeit. Sie ist
in jedem Baum.«
Bis zum Ende seines Lebens wurde Tony von gewalttätigen Gedanken
und Träumen verfolgt: »Dann träumte ich, dass Barbara meinen Nacken
aufgeschnitten hatte, damit ich atmen konnte.«
Brooks bleibt als einziger Überlebender der Tragödie zurück, möglichweise
als der Schuldige. Er mochte Tony nicht, er fand ihn peinlich
und seltsam. Was war der Grund dafür? Warum fühlte sich Brooks
von Tony bedroht?
Brooks wirkte überheblich, tatsächlich erkannte er aber die Ursache
seines ehelichen Unglücks ganz gut:
»Ich merkte schnell, dass ich mit Barbara, unabhängig davon ob
sie schwanger war oder nicht und sie war es nicht , keine verwandte
Seele geheiratet hatte, sondern einen mächtigen und ehrgeizigen
Gegner. Sie war wesentlich klüger und eine wesentlich stärkere
Persönlichkeit als ich es je sein würde. Ich hatte immer das Gefühl,
dass ich nicht Manns genug für sie war. Was sie brauchte war Henry
VIII. Aber den hat sie ja gefunden in ihrem Sohn, der ihr dann
auch den Kopf abschlug, sozusagen.«
Trotzdem konnte Brooks skrupellos und abweisend sein. Als ein
Freund ihn über Barbaras Selbstmordversuch informierte, sah er
sich keineswegs in der Pflicht, etwas zu unternehmen.
»Ich sagte ihm, sie läge im Koma und Brooks antwortete: 'Na, wenn
sie stirbt, weißt Du ja wo Du mich findest.' Das erschütterte
mich. Dann sagte er, und das erschütterte mich wirklich, 'Als
ich Barbara kennenlernte, war sie nichts. Sie war bloß so ein
rothaariges irisches Mädel. Ich habe sie praktisch von der Straße
aufgelesen.'«
Brooks war außerdem zutiefst enttäuscht von seinem Sohn, der die
Verheißung nach Größe, die er für seine Familie unbedingt wollte,
nicht erfüllen konnte. Allerdings war seine Enttäuschung über
Tony zum Teil auch Verzweiflung über sein eigenes Versagen.
Vertuscht Brooks mit seiner Hochnäsigkeit einen schwachen Verstand?
Viele die ihn kannten, sagen, er war ein kluger Kopf, hatte aber
nicht die Disziplin, etwas daraus zu machen. Er war ein exzellenter
Mathematik- und Physikstudent an der Columbia University, aber
er hat nie einen Abschluss zustande gebracht. Jahrelang behauptete
er einen Roman zu schreiben, von dem man jedoch nie etwas gesehen
hat. Er und Barbara waren beide nicht dumm, das aber auf unterschiedliche
Art.
Ist Brooks' Beziehung zu Blanca anders? Respektiert er sie mehr
als Barbara, oder reizt ihn nur ihre Jugend?
Es wäre zu einfach, Blanca zu beschuldigen oder Brooks' Beziehung
zu ihr als einen Abklatsch seiner Ehe mit Barbara zu betrachten.
Blanca war bereits geschieden, sie war erfahrener als viele der
jungen Reisenden, die nach Cadaques strömten, und sie stach durch
ihre Schönheit hervor. Sie war gebildet, sie hatte in Paris Philosophie
studiert, sie besaß Charme und Intuition. Sie stammte aus der
Mittelschicht, sie war ehrgeizig, was sie hinter einer Maske der
Arglosigkeit verbarg, weshalb sie oft unterschätzt wurde. Blanca
war ein echtes Chamäleon, genauso zu Hause in Jeans und Hippieblusen
wie später, nach der Heirat mit Brooks, in Haute Couture. Ihr
Selbstvertrauen und ihre Unabhängigkeit zogen die Menschen an.
Ursprünglich interessierte sie sich für Tonys sanftes, passives
Wesen, aber dann verliebte sie sich in Brooks kühle Überheblichkeit.
Der Mythos der Baekeland-Familie faszinierte sie und Brooks' Aura
von altem Reichtum ebenfalls. Unter seiner Führung veränderte
sie sich rasch vom Hippiemädchen in eine bourgeoise Lady. Tony
konnte ihre Aufmerksamkeit nicht lange fesseln, es war bitter
für ihn, von ihr zurückgelassen zu werden. Barbara sah Blanca
anfangs gern und ermutigte Tony zu dieser Beziehung, entdeckte
aber bald jenen vertrauten Ehrgeiz bei ihr, der den gesellschaftlichen
Aufstieg anstrebt. Außerdem hasste sie Blanca natürlich für ihre
Jugend, ihre Schönheit und ihren Erfolg bei Brooks. Blanca wollte
sicherlich auch Geld und Status, aber ich will nicht über sie
urteilen. Die Faszination dieses Materials liegt gerade in seinen
vielen widersprüchlichen Seiten.
Sie haben zuletzt bei SWOON Regie geführt, das liegt eine Weile
zurück. Sie haben zwar seither ständig in dieser Branche gearbeitet,
aber warum dauerte es so lang, bis sie wieder einen Spielfilm
inszenierten? Hat ihre Arbeit als Videokünstler Einfluss auf ihre
Arbeit als Regisseur?
Nach SWOON habe ich als Produzent gearbeitet. 1994 war ich Produzent
von Rose Troches Erstling GO FISH, der in Sundance lief. Dann
war ich Produzent von Mary Harrons Erstling I SHOT ANDY WARHOL,
der 1996 in Cannes lief. Ich inszenierte einen Kurzfilm, um den
30. Geburtstag des Modedesigners Geoffrey Beene zu feiern. Er
war vom Stummfilm inspiriert, Marcia Gay Harden, Viveca Lindfors,
Russell Wong und Claire Danes spielten mit. Dann machte ich den
Kurzfilm PLAIN PLEASURES mit Frances McDormand, Lili Taylor und
Will Patton, der in Amerika auf PBS gezeigt wurde. Seit 1985 arbeite
ich in den verschiedensten Medien: auf Video, Super-8, 16mm oder
ich mache Installationen. Diese kleineren Arbeiten werden in den
Museen in aller Welt ausgestellt und sie sind ein befreiendes
Gegengewicht zu der enormen Größe eines Spielfilmprojekts. Mit
so kurzen, experimentellen Projekten kann ich erfinden und herumprobieren.
Sie sind wie ein Spielplatz, im Gegensatz zu meinen ordentlichen,
klassisch strukturierten Spielfilmen.
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