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Die Steglitzer Schülertragödie von 1927:
Im Sommer 1927 schockiert eine furchtbare Bluttat Berlin, die
als »Steglitzer Schülertragödie« in die Annalen eingehen wird: In der Steglitzer Wohnung seiner
Eltern erschießt am frühen Morgen des 28. Juni der 19-jährige
Oberprimaner Günther Scheller den gleichaltrigen Kochlehrling
Hans Stephan und tötet sich anschließend durch einen Schuss in
den Kopf selbst. Zugegen sind Schellers Schulkamerad Paul Krantz,
18, Schellers Schwester Hildegard, 16, und deren Freundin Elli,
16. Die Jugendlichen hielten sich allein in der Schellerschen
Wohnung auf, während die Eltern in Stockholm waren. Paul Krantz
war der einzige Augenzeuge der Tat.
»Wir werden lächelnd aus dem Leben scheiden.«
Auf dem Küchentisch findet die von den Jugendlichen alarmierte
Polizei einen Abschiedsbrief, in dem Günther Scheller und Paul
Krantz ankündigten, zuerst Hans Stephan und Hilde Scheller und
anschließend sich selbst zu töten. So hatte Günther geschrieben:
»Liebes Weltall! Ein winziges Stück Deines Organismus vergeht.
Sei nicht böse darüber, du wirst den Untergang einer Zelle kaum
als Verlust empfinden. Tausend andere drängen sich als Ersatz.
Die Zeit rollt weiter und weiter, was kümmert sie mein bisschen
Leben? Ein kurz aufleuchtender Schein in der Gemeinschaft der
Menschen und dann Erlöschen,
Staub, Asche.« Paul Krantz schrieb auf einen anderen Zettel: »In diesem Augenblick werden Hans Stephan und Männe (Spitzname
für Hilde) sterben (durch unsere Hand). Wir beide, Günther und
ich, werden lächelnd aus dem Leben scheiden!«
Paul hatte außerdem folgende Worte an einen Schulkameraden zu
Papier gebracht: »Lieber Fritz! (...) Ich glaube, dass Liebe (staunste, was?) mich
zur letzten Konsequenz verleitet. Es gibt Mädchen, deren Hingabe
in Dir ein so durchdringendes, süßes Gefühl hervorruft, dass Du
es niemals vergessen kannst, dass Du im selig Rausch und Taumel
Dein Glück besessen hast. (...) Fritz! Ich erschieße erst Günther,
dann Hilde, während Günther Hans Stephan zuerst erschießt. (...)
Nun lache nicht, sondern denke dran, dass mein Schritt die letzte
Konsequenz eines vom Leben Getöteten ist. Günther ist vollkommen
einverstanden und grüßt Dich, wie ich, mein Freund, zum letzten
Mal. Paul Krantz und Günther Scheller.«
Offenbar hatten sich die Jungen in einem Rausch aus Alkohol, Lebensüberdruss,
enttäuschter Liebe und romantischem Weltschmerz in die abgründige
Katastrophe hineingesteigert. Pauls Rechtsanwalt, der berühmte
Strafverteidiger Dr. Dr. Erich Frey, bezeichnet diese Stimmung
später als »seelisches Dämmerlicht«.
»Es schien unmöglich, Günther zur Besinnung zu bringen.«
»Als die ersten Strahlen des Morgens das lange Grauen seiner Dämmerung
lichteten«, erinnert sich Paul Krantz später in seiner Autobiographie »Erinnerungen eines Deutschen« (1971), »schien auch unser eigener Dämmerzustand der verstiegenen Weltfluchtpläne
mit einem Schlage zerstoben.(...) Doch es schien fast unmöglich,
Günter zur Besinnung zu bringen (...) Günter starrte mich nur
finster an und fuchtelte auch in meiner Richtung mit dem Revolver
herum, der nunmehr scharf geladen war, denn er hatte in einer
Schreibtischschublade passende Munition gefunden. Ich hatte ihm
schon einzureden versucht, Stefan (Hans Stephan) sei gar nicht
mehr da. Hilde, der es unter unserem lauten Rumoren schließlich
doch unheimlich geworden war, (...) kam nun (...) zu uns. Mir
flüsterte sie rasch zu, Hans sei fort. Mir kam die Botschaft wie
eine Erlösung (...) Sie hatte die Tür zum Schlafzimmer demonstrativ
offen gelassen und schien ihrer Sache völlig sicher zu sein. Günter
wirkte resigniert, er zeigte sich zugleich enttäuscht und höhnisch.
(...) Günter war scheinbar langsam und gleichgültig in das Nebenzimmer
gegangen. Dort aber hatte Hilde ihren Freund hinter einem zwischen
Schrank und Wand gespannten Lakenvorhang versteckt. Fast unverzüglich
krachten die Schüsse. Eine jähe Bewegung des Tuches musste Stefan
(Hans Stephan) verraten haben.«
Einer der Aufsehen erregendsten Prozesse der Zwanziger Jahre:
Paul Krantz wird am 1. Juli unter dem Verdacht der Mittäterschaft
verhaftet und vor dem II. Schwurgericht in der Moabiter Turmstraße
des Mordes angeklagt. Wochenlang halten die Ereignisse jener verhängnisvollen
Nacht während des Krantz-Prozesses im Februar 1928 die Öffentlichkeit
in Atem. Korrespondenten aller namhaften europäischen Zeitungen
sind vor Ort, eine japanische Delegation, sogar US-Journalisten.
Ihre Berichte beflügeln die Phantasie außerhalb des Gerichtssaals.
Immer neue Details über morbide Gedichte und Alkoholräusche, homosexuelle
Beziehungen und promisken Sex unter den sich selbst überlassenen
Jugendlichen elektrisieren die Öffentlichkeit. Von »sündiger Liebe«, »frühzeitig verdorbenen Mädchen«, »Liebe in
ihren schrankenlosen Ausartungen« schreibt etwa der Lankwitzer Anzeiger am 14.2.1928. Die dreiwöchige
Gerichtsverhandlung - Paul Krantz ist zunächst wegen Doppelmordes,
dann wegen Mittäterschaft und Verabredung zum Mord an Hilde Scheller
sowie wegen unerlaubten Waffenbesitzes angeklagt - gerät zum Sensationsprozess.
Die Mädchen, vor allem Hilde Scheller, müssen minutiöse und demütigende
Befragungen zu ihrem Liebesleben über sich ergehen lassen. Die
Staatsanwaltschaft lässt sogar ein medizinisches Gutachten über
Hildes »körperliche Unversehrtheit« erstellen, um ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen. Krantz hingegen
werden seine Gedichte zum Verhängnis: Nicht nur lag mit dem Abschiedsbrief
eine Art schriftliches Geständnis vor - es fanden sich in seinem
Tagebuch auch weitere, belastende Verse.
Im Gerichtssaal selbst geht es hoch her. Der Staranwalt Dr. Dr.
Erich Frey, der schon den »Beilchenmörder« Haarmann verteidigt hatte und die Verteidigung von Paul Krantz
ohne Honorar übernimmt, legt nach einer scharfen Auseinandersetzung
mit dem Vorsitzenden Richter mitten im Prozess sein Mandat nieder,
woraufhin der von der Presse als »schwächlich« und »dünnblütig« bezeichnete Krantz einen Nervenzusammenbruch erleidet. Drei Tage
später nimmt Frey sein Mandat wieder auf und erstreitet schließlich
einen Freispruch für Paul Krantz.
In seinem Schlussplädoyer in einem der Aufsehen erregendsten Prozesse
der Zwanziger Jahre sagt Dr. Dr. Erich Frey am 20. Februar: »Ich frage nicht wie der Herr Staatsanwalt: Was ist geschehen?
Ich frage: Was ist Jugend? Und darauf antworte ich mit dem Wort
Goethes: Jugend ist Trunkenheit ohne Wein.«
Paul Krantz wird frei gesprochen von der Anklage des Mordes und
der Anstiftung zum Mord und zu einer dreiwöchigen Haftstrafe wegen
unerlaubten Waffenbesitzes verurteilt, die allerdings auf seine
siebenmonatige Untersuchungshaft angerechnet wird. Der Prozess
selbst hatte auch weitreichende, gesellschaftliche Konsequenzen:
Er hat nicht nur eine große, sowohl erhitzte als auch ernsthaft
geführte öffentliche Debatte über die Moral der Jugend losgetreten,
sondern auch eine Diskussion über das im Berlin der Weimarer Republik
noch weitgehend separierte Schulwesen für Mädchen und Jungen und
die schädlichen Folgen der Geschlechtertrennung angeregt.
1931 erschien der erste Roman von Paul Krantz »Die Mietskaserne« unter dem Pseudonym Ernst Erich Noth. Am 10. Mai 1933 wurde das
Buch auf die Scheiterhaufen der Bücherverbrennung geworfen. Paul
Krantz flüchtete in der Nacht des 5. März 1933 aus Deutschland
und ging als politisch Verfolgter ins Exil. Gegen Hilde Scheller
wurde in der Folge der Geschehnisse eine regelrechte Hexenjagd
veranstaltet. Aufgrund der obszönen Berichterstattung über ihre
Person war sie nach dem Prozess gezwungen, die Stadt zu verlassen.
Hilde wurde Bibliothekarin. Elli hat nie geheiratet.
Die ersten Verfilmungen der »Steglitzer Schülertragödie«
Bereits zweimal ist die »Steglitzer Schülertragödie« verfilmt worden: 1929, im Jahr nach dem Prozess, drehte Carl Boese
GESCHMINKTE JUGEND, der sich auf den schlechten Einfluss der »mondänen« Mutter von Hilde (hier: Margot) und hemmungslose Annäherungsversuche
einer Walter genannten Günther-Figur (kein Bruder, sondern ein
Schürzenjäger) konzentrierte. Der Charakter Paul dagegen (»Walter, der Sittenstrenge«) wird als Ehrenretter von Margot zum tragischen Mörder.
1960 drehte Max Nosseck ein gleichnamiges Remake des Dramas, das
ganz um die vergnügungssüchtige Twist-Generation und einen an
all der Oberflächlichkeit verzweifelnden Kleist-Jünger kreiste.
Doch Nossecks Film stieß der Freiwilligen Selbstkontrolle der
Filmwirtschaft auf. Nur ein einziges Mal wurde er mit dieser Freigabe
in einem Kino gezeigt 1988 im Berliner Sputnik. Erst im Rahmen
der Retrospektive auf der Berlinale 2002 schließlich wurde er
gewürdigt. Anders als Nosseck und Boese hielt sich Achim von Borries
detailgetreu an die Ereignisse, wie sie sich nach den Erkenntnissen
im Gerichtsaal in der Schellerschen Wohnung abgespielt hatten.
Und als Einziger gab er den Figuren im Film ihre wahren Namen.
Biographie Ernst Erich Noth (früher Paul Krantz)
Der Schriftsteller und Literaturhistoriker Ernst Erich Noth kommt
am 25. Februar 1909 in Berlin zur Welt und verstirbt am 15. Januar
1983 in Bensheim an der Bergstraße. Ursprünglich hieß er Paul
Krantz, später legte er sich das Pseudonym Ernst Erich Noth zu,
das mit seiner Einbürgerung in den Vereinigten Staaten von Amerika
1948 auch sein bürgerlicher Name wurde. Als uneheliches Kind wächst
er in einer berüchtigten Berliner Mietskaserne auf. Da er als
außerordentlich talentiert gilt, wird er gefördert und als »begabtes Proletarierkind« auf die höhere Schule geschickt. Dort kommt er mit den zunehmenden
Krisenherden der damaligen bürgerlichen Welt, der Perspektivlosigkeit
vieler Jugendlicher seiner Generation in Berührung. Traurige Berühmtheit
erlangt er als junger Mensch beim Aufsehen erregenden Prozess
um die »Steglitzer Schülertragödie«, bei dem Krantz eine prominente, wenn auch unschuldige Hauptrolle
spielt. Obwohl er 1928 vom Gericht freigesprochen wird, leidet
Ernst Erich Noth zeit seines Lebens unter dieser traumatischen
Tragödie, die sich in seinem Freundeskreis zugetragen hatte.
1929 nimmt Ernst Erich Noth ein Studium der Germanistik an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main auf und
beginnt, als freier Mitarbeiter für die Frankfurter Zeitung zu
schreiben. 1933 emigriert er nach Paris und studiert dort an der
Sorbonne weiter. Er wird regelmäßiger Mitarbeiter französischer
Wochen- und Monatsschriften und später auch Redaktionsmitglied
der renommierten Cahiers du Sud. 1939 wird ihm die deutsche Staatsangehörigkeit
aberkannt und im Mai des gleichen Jahres folgt die Ausbürgerung
durch das Reichsministerium des Innern. Alle bis dahin veröffentlichten
Schriften wurden verboten, sein Roman »Die Mietskaserne« war schon am 10. Mai 1933 verbrannt worden.
Nach der Besetzung Frankreichs versteckt er sich im Untergrund
bis ihm 1941 die Flucht in die Vereinigten Staaten von Amerika
gelingt. In New York wird er Leiter der deutschsprachigen Kurzwellensendungen
der National Broadcasting Company (NBC). Später arbeitet Noth
als Herausgeber und Chefredakteur der internationalen Literaturzeitschrift
Books Abroad und Professor für Moderne Sprachen und Vergleichende Literaturwissenschaft
an der University of Oklahoma. Als Professor lehrt er auch an
der Marquette University/ Milwaukee und wird wissenschaftlicher
Leiter des Fachbereichs für klassische Literaturen und Neuere
Philologien. 1963 kehrt Noth nach Europa zurück und arbeitet in
Frankreich als Lektor mehrerer Verlage und Dozent an den Universitäten
Aix-en- Provence, Marseille und Paris. Von 1971 an lehrt er als
Gastprofessor an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt
am Main bis zu seiner Entlassung 1980. Von Ernst Erich Noth sind
im glotzi Verlag u.a. folgende Bücher erschienen:
Die Mietskaserne, Roman. Erstausgabe 1931.
Die Tragödie der deutschen Jugend, Essay von 1934.
Jupp und Adolf, Politische Umdichtung von Wilhelm Buschs »Max
und Moritz«. 1943.
Illustriert von Walter Diewock. 2003.
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