Erik(a) ist einer jener seltenen Glücksfälle im österreichischen
Dokumentarfilm, die anhand des Schicksals eines einzelnen Menschen
mehrere Themen, die von nationalem Interesse und darüber hinaus
allgemeingültig sind, aufgreift und auf spannende und bewegende
Weise behandelt: Die Frage, was eine Nation wie Österreich ausmacht,
eine Frage, die sich, aus den bekannten historischen Gründen und
Entwicklungen heraus als sehr schwierig und komplex darstellt.
Bei der Konstruktion einer nationalen Identität war und ist der
Sport, zumal der Wintersport, eine der tragenden Säulen. Seit
Jahrzehnten definiert sich die Nation Österreich entlang der Leistungen
von herausragenden Einzelsportlerinnen und -sportlern, die für
ein «Wir-Gefühl» sorgen, das weder Politik noch Wirtschaft noch
Kultur zu schaffen im Stande waren. Das Märtyrertum, die Lust
am Leiden: gemessen an seiner Größe, hat Österreich neben all
den Triumphen die höchste Dichte an sportlichen Tragödien zu
verzeichnen: Todesfälle im Autorennsport (Jochen Rindt, Helmut
Koinigg, Jo Gartner, Markus Höttinger, Roland Ratzenberger), der
nahezu tödliche Crash von Niki Lauda, die Katastrophen im Skisport
Ulli Maier, Sepp Walcher, Gernot Reinstadler oder zuletzt der
Motorradunfall von «Herminator» Hermann Maier , dazu die nicht
enden wollende Geschichte an «Benachteiligungen» (Schranz-Affäre,
1972). Keine anderen Sportlerinnen und Sportler werden so «unfair»
behandelt wie die österreichischen so zumindest der Eindruck
der sportinteressierten Öffentlichkeit.
Daß Erik Schinegger sich diesem nationalen Konzept nicht untergeordnet
hat, macht ihn zu einer bemerkenswerten Persönlichkeit. Er hat
sich ganz unösterreichisch seinem Schicksal gestellt und es
in die eigene Hand genommen, ganz ohne öffentliches Jammern und
Wehklagen.
Sportgeschichte:
Weit über den Einzelfall Schinegger hinaus geht es in «Erik(a)»
um die Sinnhaftigkeit und die Auswüchse des Spitzensports, in
dem das Messen von Zehntel- und Hundertstelsekunden im Vordergrund
steht und der Mensch als funktionierende Maschine angesehen wird.
Hört er auf, so zu funktionieren, ist er ein Skandal, der aus
dem System entfernt werden muß. Daß die Medien dabei eine zentrale
Rolle spielen, steht außer Frage.
Der Umgang mit (Zeit-)Geschichte:
Der Fall Schinegger ist ein weiteres Beispiel verdrängter österreichischer
Geschichte, ein «Skandal», an den man nicht denken will schön
ablesbar an einigen der Interviews im Film. Man wünscht, die «ganze
Sache» hätte nie stattgefunden, sie ist peinlich, ein Tabu. Die
Film-Statements ehemaliger Skifunktionäre, des damaligen Teamarztes
und von Journalisten sprechen Bände.
Kindheit auf dem Lande:
«Erik(a)» gewährt Einblick in eine Kindheit auf dem Lande in den
1950er Jahren fernab aller Heimatfilm- und Tourismusklischees.
Es ist eine Kindheit, geprägt von bäuerlichen Traditionen, Verhaltensmaßregeln («Kinder haben zu
»), von moralischer und geistiger Enge, ohne daß man sie deswegen
pauschal als «unglücklich» aburteilen müßte. Spiel, Spaß, Bewegung,
sexuelle Neugier, all das gehört auch dazu. Auch insofern ist
der Film ein wertvolles Zeitdokument, durch die Stellungnahmen
Schineggers, seiner Jugendfreundinnen und freunde und seiner
Mutter, aber auch durch die Super-8-Aufnahmen aus dieser Zeit.
Tourismus:
Österreich als Land, das sich dem hemmungslosen Tourismus unterworfen
hat, der die Haupteinnahmequelle zahlloser Gemeinden bildet. Nur
der bedingungslose Einsatz, vor allem auch von Frauen und Kindern,
macht dies möglich. Im speziellen Fall sorgte der Schinegger-Skandal
für Quote, oder, wie es seine Mutter so unnachahmlich ausdrückt:
«Aber zu der Zeit wie sie, wie er frisch ein Bub war, haben wir
das schönste Geschäft [im familieneigenen Gasthaus] gemacht.»
Geschlecht/Sexualität:
Wiewohl scheinbar im Vordergrund, ist dies nur einer der vielen
Aspekte, unter denen «Erik(a)» interessant ist. Darin subsumieren
sich jedoch all die vorher genannten Punkte das Tabu, die Verdrängung,
die Neigung zum «Wegschauen», der bedingungslose Glaube der «gelernten»
Österreicherinnen und Österreicher an die Autorität (Ärzte, Funktionäre,
Kirche, usw.).
Wann, wie, warum ist jemand ein Mädchen/ein Bub? Wie kann es kommen,
daß «ein Blick genügt», um festzustellen: «Das ist ein Mädchen»?
Was bedeutet männliche/weibliche Sozialisation, was bedeutete
sie speziell in den «dumpfen» 1950er Jahren? Was passiert mit
jenen, die «dazwischen» (intersexuell) sind? Von 4.000 lebendgeborenen
Kindern ist das immer hin eines. Darüber gibt es kaum öffentliches
Wissen, öffentliche Vermittlung. Was macht besonders, aber nicht
nur, auf dem Lande, die Geschlechterdifferenz aus? Wie wertvoll
sind Söhne, wie «lästig» Töchter? Wie tough oder wie verletzlich
dürfen Mädchen sein? Aussage der Mutter: «Sie war nie ein Muttersöhnchen.» Was macht einen «richtigen Mann» aus? Siehe Erik Schineggers
Macho-Überkompensation nach seiner Operation, mit Porsche und
Goldringen wer legt das fest?
Erik Schinegger:
Erik Schinegger wurde am 19. Juni 1948 am elterlichen Bauernhof
in Agsdorf, Kärnten, von einer Hebamme zur Welt gebracht. Er wurde
mit einem XY-Chromosom geboren, allerdings waren seine äußeren
männlichen Geschlechtsmerkmale nach innen gewachsen. Äußerlich
schien das Kind ein Mädchen zu sein, mit einem doch etwas verkümmerten
Geschlechtsorgan. Offensichtlich irritiert wegen des seltsamen
Aussehens, wurde das Kind an den kommenden Tagen mehrfach untersucht.
Letztlich beruhigte die Hebamme die Eltern und gratulierte zur
neugeborenen
Tochter.
Erika wächst als Mädchen auf. Schon früh bemerkt sie, daß ihre
Geschlechtsorgane etwas anders aussehen als die der anderen Mädchen.
Dies scheint sie nur wenig zu beunruhigen. Bis zur Pubertät gibt
es keine Zweifel. Mit der Pubertät begann sich vieles zu ändern.
Erikas Menstruation blieb aus, die Brust will sich nicht entwickeln,
und sie fühlt sich zu Mädchen hingezogen. Sexuell irritiert ob
ihrer «lesbischen Neigung» und der mit zunehmendem Alter stärker
werdenden Androgynität, konzentriert sie sich auf den Sport, im
Konkreten auf den Skisport. Hier findet sie die Anerkennung, die
sie in Ihrem Privatleben nicht finden kann.